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100 Jahre Psychiatrie in Herborn (Rezension)

Christina Vanja, unter Mitarbeit von Bastian Adam und Susanne Rosa (Hrsg.)

100 Jahre Psychiatrie in Herborn

Rückblick, Einblick, Ausblick 

 

Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Band 16). Jonas Verlag für Kunst und Literatur. Marburg 2011, 333 Seiten, gebunden, 14,90 €, ISBN 978-3-89445-460-9

 

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Das heutige Gesundheitsunternehmen „Vitos Herborn“ (vgl. www.vitos-herborn.de) kann auf eine gut hundert Jahre alte Geschichte zurückblicken. Im Jahre 1911 entstand für psychisch kranke Menschen südlich der Dill-Stadt eine große Villenkolonie, die „Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn“. Die Einrichtung befand sich, wie es damals üblich war, außerhalb der Stadt und war auf Eigenversorgung ausgerichtet. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier nicht nur massenhaft Zwangssterilisationen durchgeführt; Herborn fungierte ab 1941 auch als „Zwischenanstalt“ für die Tötungsanstalt Hadamar, wobei über 700 Herborner Stammpatienten ermordet wurden. Während des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) wurde in der Landesheil- und Pflegeanstalt ein Lazarett eingerichtet, das mit einer Belegung von bis zu 3.000 Patienten als eines der größten seiner Zeit galt. Bis in die 70iger Jahre des vorigen Jahrhunderts befand sich auf dem Gelände neben dem psychiatrischen Krankenhaus auch eine orthopädische Klinik. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Einrichtung dann in mehreren Etappen zu einem modernen therapeutischen Anbieter mit Fachkliniken, Heilpädagogischen Heimen und Wohngruppen.

Zum 100-jährigen Bestehen der Einrichtung hat Christina Vanja, Leiterin des Fachbereiches „Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen“ beim Landeswohlfahrtsverband Hessen in Kassel und Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Kassel, unter der Überschrift „100 Jahre Psychiatrie in Herborn – Einblick, Rückblick, Ausblick“ eine umfangreiche Chronik herausgegeben, in der 23 AutorInnen auf mehr als 330 Seiten erstmals die Geschichte der Einrichtung umfassend beleuchten. Mit 5 von insgesamt 21 Beiträgen wurde dabei ganz besonderen Wert auf die Zeit des Nationalsozialismus gelegt.

Einleitend weist die Herausgeberin darauf hin, dass der vorliegende Band „im Sinne eines nachdenklichen Rückblicks“ (S. 22) angelegt sei. Zur Bearbeitung des geplanten Buches hätten (Medizin-) Historiker und Sozialwissenschaftler gewonnen werden können, die einzelne Themen quellennah erarbeitet haben. Die Bearbeitung noch unbearbeiteter Aspekte der Herborner Psychiatriegeschichte (wie beispielsweise die Geschichte der Jugendhilfe im Rahmen der Psychiatrie oder das Verhältnis von Stadt beziehungsweise Region und Psychiatrie) sei inzwischen erleichtert, weil im Jubiläumsjahr mit der Erschließung des trotz Lücken recht umfangreichen Schriftguts der Herborner Einrichtungen begonnen wurde. An die jüngere Herborner Psychiatriegeschichte würden ehemalige und heute Beschäftigte der Herborner Einrichtungen erinnern, die die Veränderungen der letzten Jahrzehnte intensiv miterlebt und aktiv gestaltet haben.

Alle Beiträge des Buches, das als Band 16 der „Historischen Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien“ erscheint, ausführlich vorzustellen, würde den Rahmen der vorliegenden Rezension freilich sprengen. Deshalb wird nachfolgend näher lediglich auf jene Arbeiten hingewiesen, die sich schwerpunktmäßig mit den Ereignissen während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen, ebenso wie mit der Pflegegeschichte.

In dem Beitrag „Der Bezirksverband Nassau und seine Anstalt Herborn in der Zeit des Nationalsozialismus“ (S. 100-118) stellt Peter Sandner, Archivar des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden, die Bedeutung des Bezirksverbandes Nassau (ursprünglich Bezirkskommunalverband Wiesbaden) für die Anstalt Herborn in dem besagten Zeitraum vor. Wie er hierbei unter anderem zeigen kann, nutzten bereits seit 1933 die Ärzte des Bezirksverbands, darunter der Herborner Direktor Dr. Paul Schiese, Fortbildungsangebote zum Thema „Rassenhygiene“. Schiese wirkte auch beim Erbgesundheitsobergericht in Frankfurt am Main an Sterilisationsverfahren mit. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre setzte sich der Bezirksvorstand Nassau für eine Sparpolitik ein, die in erster Linie zu Lasten der Patientinnen und Patienten ging. Durch die Unterversorgung erhöhte sich in Herborn die Sterberate. Ende 1940 vereinbarte die in Berlin ansässige Krankenmordorganisation, die später nach ihrer Adresse in der Tiergartenstraße 4 kurz „T4“ genannt wurde, mit dem Wiesbadener Anstaltsdezernenten Fritz Bernotat, dass unter anderem Herborn als sogenannte „Zwischenanstalt“ bereitgestellt würde. Bernotat weihte dabei den Anstaltsleiter Dr. Schiese persönlich in die Mordaktion ein. Der Bezirksverband Nassau war zwar selbst organisatorisch nicht Träger der Gasmordanstalt Hadamar, er unterstützte aber die Mordaktion und führte die Gewinne dem eigenen Haushalt zu, wobei Herborn anteilig an dem Betrug profitierte. Sehr aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen des Autors hinsichtlich des Einsatzes von Herborner Personal in der Gasanstalt Hadamar. Demnach wurden insgesamt ab 1940/41 mindestens 25 Pflege- und Verwaltungskräfte aus den Landesheilanstalten Hadamar, Herborn und Weilmünster in die „T4“-Anstalt Hadamar abgeordnet. Mitte 1941, wenige Wochen bevor die Hadamarer Gasmorde im August überraschend abgebrochen wurden, schickte der Bezirksverband und seine Personalabteilung (neben zwei Beschäftigten aus Weilmünster) noch acht Pflegerinnen und Pfleger der Landesheilanstalt Herborn nach Hadamar. Nach Ansicht von Peter Sandner muss man davon ausgehen, dass die nach Hadamar Abgeordneten Pflegekräfte vom Bezirksverband gezielt für ihren Einsatz in Hadamar ausgewählt worden sind. Abgeordnet worden seien „diejenigen, bei denen man am ehesten eine bereitwillige Mitwirkung an den Morden erwartete und / oder die durch eine lange Parteimitgliedschaft als überzeugte Nationalsozialisten galten“ (S. 109).

Unter der Überschrift „Therapien und Humanexperimente in der NS-Zeit“ (S. 119-125) zeigt Ralf Forsbach, Medizinhistoriker in Bonn, zunächst auf, dass die Herborner Anstaltsärzte ausdrücklich das 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ begrüßten. In Herborn sei damals nicht nur die sogenannte Elektrokrampftherapie angewandt, sondern auch an Menschen experimentiert worden. Bedrohlicher als die therapeutisch nicht begründbaren Zwangssterilisationen, so der Autor, seien die sich während der NS-Zeit immer drastischer verschlechternden Lebensumstände sowie der Massenmord an Kranken selbst gewesen.

In ihrem Beitrag „Zwangssterilisationen in Herborn“ (S. 126-135) legt Jana Weigend, freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar, eine erste Auswertung des für Herborn erhaltenen Sterilisationsbuches vor. Wie sie hierbei aufzeigen kann, wurden in der Operationsabteilung der Landesheilanstalt Herborn zwischen 1934 und 1939 mehr als tausend Menschen zwangssterilisiert. Die häufigsten der wissenschaftlich fragwürdigen Diagnosen für den Eingriff waren dabei „angeborener Schwachsinn“, „Schizophrenie“, „erbliche Fallsucht“ (Epilepsie), „manisch-depressives Irresein“ und „schwerer Alkoholismus“. Unter den Herborner Opfer befanden sich auch Kinder von elf und zwölf Jahren; 95 Jungen und 47 Mädchen waren zum Zeitpunkt ihrer Unfruchtbarmachung jünger als 18 Jahre.

In seinem Beitrag „Die Landesheilanstalt Herborn und der NS-Krankenmord“ (S. 136-153) analysiert Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte Hadamar, auf Basis der Hadamarer Opferdatenbank die Rolle der Einrichtung beim NS-Krankenmord. Wie er hierbei zeigen kann, wurden – auch unter der Mithilfe von Pflegepersonal – zunächst die jüdischen Patientinnen und Patienten abtransportiert und ermordet. Am 24. Januar 1941 trafen erstmals die „grauen“ Busse in Herborn ein, um 50 Patientinnen in die Gaskammer nach Hadamar zu bringen. Insgesamt, so das Ergebnis der Auswertungen, wurden 774 Herborner Stammpatienten in die Tötungsanstalt nach Hadamar deportiert. Die Gesamtzahl der Patientinnen und Patienten, die aus Herborn kommend dem Krankenmord zwischen 1940 bis 1945 zum Opfer fielen, beziffert der Autor mit 1.946. Wie anderswo habe in Herborn die Verdrängung der ermordeten Patientinnen und Patienten aus dem kollektiven Gedächtnis Jahrzehnte angehalten. Noch in der Jubiläumsschrift von 1981 sei über ihr Schicksal geschwiegen worden.

Die Inanspruchnahme der psychiatrischen Einrichtung für militärische Zwecke begann im August 1941. Mit dem Beitrag des Mediziners Mark Siegmund Drexler „Das Sonderlazarett Herborn – Kriegseinsatz eines Psychiatrischen Krankenhauses“ (S. 154-168) liegt hierzu eine erste Studie vor. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Lazarett lag bei drei bis fünf Wochen. Nach Darstellung des Autors spielten dabei neben äußeren „Verwundungen“ und Infektionskrankheiten die seelische Traumatisierung durch den Krieg eine große Rolle. Die 1946 aufgelöste Einrichtung wurde nach 1945 auch als Durchgangslager für Kriegsgefangene benutzt.

Hingewiesen sei hier auch auf den Beitrag von Gerhard Henke-Bockschatz „Ein Besuch im Psychiatrie-Museum Herborn“ (S. 225-232). Der Autor, Professor für Didaktik der Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, stellt das im Obergeschoss eines Krankengebäudes untergebrachte Museum vor, das seit nunmehr 20 Jahren besteht und von engagierten Mitarbeitern aus Anlass des 80-jährigen Bestehens des psychiatrischen Krankenhauses Herborn eröffnet wurde. Der Wille, die Geschichte der Institution auszustellen und damit sichtbar zu machen, zeugt nach Ansicht von Gerhard Henke-Bockschatz sowohl von dem Wissen, dass sich die Behandlung psychisch kranken Menschen seit dem Beginn des20. Jahrhunderts erheblich verändert hat, als auch von dem Willen, dieses Wissen publik zu machen. Das Museum, das in fünf Räumen die Entwicklung von der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt zum heutigen Unternehmen mit Kliniken und Heimen durch zahlreiche Bilder und Exponate vorstellt, sei damit Ausdruck der modernen Öffnung der Psychiatrie gegenüber der Gesellschaft.

Mit ihrem Beitrag „Pflege in der Psychiatrie – Vom Irrenpfleger zur Pflegewissenschaft“ (S. 259-269) stellt Christiane Beinroth die Geschichte der Pflege in der Psychiatrie vor. Um ausreichend Personal für die Inbetriebnahme zu gewinnen, musste 1911 sogar in Baden-Württemberg und im Bayerischen Wald geworben werden. Nach Darstellung der Autorin, Krankenpflegedirektorin der Vitos Klinik Rehberg – Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Herborn, waren die Arbeits- und Lebensbedingungen der Pfleger und Pflegerinnen eng verknüpft und streng reglementiert. Demnach musste das Pflegepersonal in der Anfangszeit in den Krankensälen schlafen und so rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Zum Aufgabenfeld der damals Pflegenden gehörten Putz- und Reinigungsarbeiten, die Aufnahme neuer Patienten, Verteilung der Mahlzeiten, Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme, Überwachung und Beaufsichtigung der Kranken, Rapport sowie Begleitung auf Visiten. Die Durchführung medizinischer und psychiatrischer Verordnungen bestanden unterdessen oftmals aus Zwangsmaßnahmen wie Isolierung, Bettruhe, Einläufen und Einreibungen. Bis Anfang der 1970er Jahre waren die Stationen in reine Männer- und Frauenstationen aufgeteilt. Eine Ausnahme habe „in ganz Deutschland“ die Zeit während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) gebildet, in der auch Pflegerinnen – aus Mangel an männlichem Personal – auf den Männerstationen eingesetzt worden seien. Während der für Herborn zuständige Bezirksverband Nassau die Ausbildung zur „Irrenpflege“ durch die Ausbildungs- und Prüfungsbestimmungen von 1937 regelte, führte der Landeswohlfahrtsverband Hessen die verwaltungseigene einjährige Ausbildung zur psychiatrischen Pflege ein. 1980 nahm der Stationsleiter aus Herborn an der ersten staatlich anerkannten Weiterbildung zur „Fachkrankenpflege für Psychiatrie“ teil. 2004 sei die erste Weiterbildung zur „Fachkraft für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ gestartet worden. Ein weiterer Meilenstein habe die 1991 in Kraft getretene Psychiatriepersonalverordnung gesetzt, die auch in Herborn zu einer weiteren Konkretisierung der Behandlungskonzepte und schließlich auch zu einer verbesserten personellen Besetzung geführt habe. Der im März 2011 gestartete erste Studiengang „Psychiatrische Pflege“ in Bielefeld ermögliche es, so die Autorin, auf die eingetretenen Veränderungen professionell zu reagieren.

Insgesamt betrachtet hat Christina Vanja ein sehr gelungenes Buch vorgelegt, das sich facettenreich mit der Geschichte und Gegenwart des heutigen Gesundheitsunternehmens „Vitos Herborn“ beschäftigt. Neben einem breiten Spektrum an wissenschaftlichen Fachbeiträgen, die mit einer Vielzahl zeitgenössischer Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustriert sind, besticht der Band auch durch seine an mehreren Stellen eingefügten „Impressionen Vitos Herborn 2011“ – halb- und ganzseitige Farbfotos aus der Gegenwart der Einrichtung.

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