Nov 18, 2018 Last Updated 8:25 AM, Nov 12, 2018

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Hähner
 
Hähner-Rombach, S. und P. Pfütsch (Hrsg.)
Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945
Ein Lehr- und Studienbuch
Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main, 2018, 422 S., 49,95 €, ISBN: 9783863214111

Dank dem 1980 eingerichteten Institut für Geschichte der Medizin (IGM) der Robert Bosch Stiftung (RBS) in Stuttgart, dem einzigen außeruniversitären medizinhistorischen Forschungsinstitut in Deutschland, das auch die Geschichte der Krankenpflege im Blick hat, konnten in den letzten Jahren eine Reihe wichtiger pflegehistorischer Studien durchgeführt und veröffentlicht werden. Trotz diesem Engagement zeigen sich bei näherer Betrachtung weiterhin große Forschungslücken, insbesondere für die Zeit nach 1945. Mit Ausnahme des Hebammenwesens trifft dies auch auf die Geschichte der anderen nichtärztlichen Gesundheitsberufe zu. Dieses Defizit aufgreifend haben Sylvelyn Hähner-Rombach und Pierre Pfütsch nun ein Lehr- und Studienbuch zum Thema „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945“ herausgegebenen.

Dr. phil. Sylvelyn Hähner-Rombach (Jahrgang 1959) ist seit 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart, wobei ihre Forschungsschwerpunkte die Sozialgeschichte der Psychiatrie, der Tuberkulose und der Krankenversicherung sowie die Geschlechtergeschichte, die Zeitgeschichte der Prävention und die Pflegegeschichte umfassen. Hierzu publizierte sie neben zahlreichen Beiträgen in Fachzeitschriften und Sammelbänden auch eine Reihe von Studien, darunter beispielsweise „Sozialgeschichte der Tuberkulose vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unter besonderer Berücksichtigung Württembergs“ (Stuttgart 2000), „‘Ohne Wasser ist kein Heil‘. Medizinische und kulturelle Aspekte der Nutzung von Wasser“ (Stuttgart 2005), „Geschichte der Prävention. Akteure, Praktiken, Instrumente“ (Stuttgart 2015) und jüngst (gemeinsam mit Karen Nolte) „Patients and Social Practice of Psychiatric Nursing in the 19th and 20th Century” (Stuttgart 2017). Darüber hinaus ist sie Herausgeberin der bereits in der vierten Auflage vorliegenden „Quellen zur Geschichte der Krankenpflege. Mit Einführungen und Kommentaren“ (Frankfurt am Main 2017).

Dr. phil. Pierre Pfütsch (Jahrgang 1986) ist seit Oktober 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart. Nach seinem Studium der Geschichtswissenschaft und Germanistik war er Promotionsstipendiat am IGM zur Bearbeitung des Themas „Prävention und Gesundheitsförderung in der BRD aus geschlechterspezifischer Perspektive“ sowie Doktorand an der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Präventionsgeschichte, Geschlechtergeschichte, Zeitgeschichte der Medizin und die Geschichte medizinischer Berufe. Neben Buch- und Zeitschriftenbeiträgen veröffentlichte er die beiden Monographien „Aderlass, Purgation und Maulbeersaft. Gesundheit und Krankheit bei Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667)“ (Innsbruck, Wien, Bozen 2013) und „Das Geschlecht des ‚präventiven Selbst‘. Prävention und Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik Deutschland (1949-2010) aus geschlechterspezifischer Perspektive“ (Stuttgart 2017).

Das mit Festeinband und in gebundener Form vorgelegte Buch, das mit einem „großzügigen Druckkostenzuschuss“ des IGM der RBS erschien, gliedert sich nach einem einführenden Kapitel zum historischen Rahmen von Sylvelyn Hähner-Rombach in zwei Teile.

Der erste Teil befasst sich mit zentralen Bereichen der Pflegegeschichte
• Christoph Schwamm: Männlichkeit und die (Selbst-)Positionierung von Krankenpflegern in der Bundesrepublik ca. 1945 bis 2000 (S. 29-64)
• Christof Beyer und Karen Nolte: Psychiatriepflege nach 1945 (S. 65-90)
• Susanne Kreutzer: Sorge für Leib und Seele – Arbeits- und Lebensalltag evangelischer Krankenpflege, 1950er bis 1970er Jahre (S. 91-119)
• Susanne Kreutzer: Abschied vom zölibatären Berufsbild? Gewerkschaftspolitik in der Pflege nach 1945 (S. 120-145)
• Sylvelyn Hähner-Rombach: Aus- und Weiterbildung in der Krankenpflege in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 (S. 146-194)
• Sylvelyn Hähner-Rombach: Quantitative Entwicklung des Krankenpflegepersonals (S. 195-219)
 Isabel Atzl: Spritzen, Kittel, Schnabeltassen – Objekte als Quellen in der pflegehistorischen Forschung (S. 220-238)

Der zweite Teil ist mit einer kurzen Einführung von Pierre Pfütsch der Krankenpflege und Gewerkschaftsbewegung sowie der objekthistorischen Forschung
• Gesundheitsberufe nach 1945. Eine Einführung (S. 239-248)
• Nina Grabe: Altenpflegerin – ein neuer Beruf für die „moderne“ Frau. Die Entstehung einer eigenständigen Altenpflegeausbildung und deren Entwicklung, 1950 bis 1990 (S. 249-286)
• Kristina Matron: Häusliche Altenpflege von 1945 bis 1985 (S. 287-311)
• Marion Schumann: Hebammen und ihr Beruf in der Bundesrepublik zwischen 1950 und 1975 (S. 312-349)
• Pierre Pfütsch: Rettungssanitäter – Rettungsassistenten – Notfallsanitäter: Ein Berufsbild im Wandel, 1949 bis 2014 (S. 350-382)
 Aaron Pfaff: „Man darf keine Kenntnisse beim Laien voraussetzen!“ Die Genese der Diabetes-Beratungs- und -Schulungsberufe (S. 383422).

In ihrer Einführung weisen die Herausgeber zu Recht darauf hin, dass die Forschungslücken zur Geschichte der Krankenpflege weiterhin groß sind. Die Geschichte anderer nichtärztlicher Gesundheitsberufe sei mit Ausnahme des Hebammenwesens „genau genommen erst im Entstehen begriffen.“ Für diesen „sehr komplexen und weitgehend unerforschten Bereich“ gehe es nicht nur darum, die wenigen existierenden Arbeiten bekannter zu machen und zu versuchen, einige Forschungslücken zu schließen, sondern auch darum, über den Tellerrand der Pflegegeschichte auf benachbarte Berufe zu schauen, zumal sich die meisten dieser Berufe im selben Feld bewegten, teilweise sogar in direkter oder indirekter Zusammenarbeit agierten, mitunter auch voneinander abhängig und in der Regel in den Hierarchien des Feldes ähnlich positioniert seien. Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung halten Sylvelyn Hühner-Rombach und Pierre Pfütsch sodann wörtlich fest: „Von Anfang an war klar, dass mit diesem Buch lediglich erste Schritte zur Schließung von Forschungsdefiziten in Angriff genommen werden können. Andere Historikerinnen und Historiker sind also aufgerufen, zu den weiter bestehenden Lücken zu forschen und ihre Ergebnisse zu veröffentlichen, um das Panorama zu erweitern und differenzierte Vergleiche zu ermöglichen“ (S. 8).

Das vorliegende Werk, so die Herausgeber, ergänze in gewisser Weise die „Quellensammlung zur Geschichte der Pflege“, indem hier manche Themen, die dort nur angeschnitten werden konnten (zum Beispiel Männer in der Pflege oder Psychiatriepflege), weitergeführt oder neu erarbeitet wurden. Zugleich ergänze hinsichtlich der Lehre zur Geschichte der Krankenpflege die Quellensammlung auch diesen Sammelband, weil sie Quellen zu den hier angeführten Themen bereithält.

Sämtliche Beiträge einzeln ausführlich vorzustellen, würde den Rahmen der vorliegenden Rezension sprengen. Allgemein lässt sich aber sagen, dass das Buch ganz unterschiedliche Arbeiten vereint. So finden sich sogenannte state-of-the-art Abhandlungen, darunter von Susanne Kreutzer, Kristina Matron, Nina Grabe und Marion Schumann, die bereits vorliegende Forschungen zusammengefasst aus einer bestimmten Perspektive auf den Punkt bringen oder neu bearbeiten, neben anderen – so von Pierre Pfütsch und Aaron Pfaff –, die erste Ergebnisse oder Teilbereiche von in der Entstehung befindlichen Untersuchungen vorstellen. Andere Beiträge, so die von Isabel Atzl, Christoph Schwamm, Christoph Beyer und Karen Nolte, konzentrieren sich auf ein noch (weiter) zu bearbeitendes, junges beziehungsweise lückenhaftes Forschungsfeld, während andere, so wie die von Sylvelyn Hähner-Rombach – versuchen, die Quellen- und Forschungslage zu bestimmten Bereichen zusammenzufassen, um damit weitere Forschungen anzuregen.

Trotz dieser Disparität ist die Veröffentlichung sehr zu begrüßen, weil sie erstmals zusammenfassend wichtige Arbeiten zu den „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945“ vereint. Damit steht für Lehrende, Studierende und Interessierte der Geschichte der Gesundheitsberufe in Deutschland ein Lehr- und Studienbuch zur Verfügung, das man lange vergeblich suchte.

Bleibt lediglich der Hinweis, dass man sich zu den im Buch genannten Personen – Franz Bauer (1898-1969), Johann Friedrich Dieffenbach (1792-1847), Ruth Elster (1913-2002), Margarete Florschütz (1894-1969), Emil Fritz (1895-1984), Otto Gessler (1875-1955), Antje Grauhan (1930-2010), Liselotte Katscher (1915-2012), Martin Mendelsohn (1860-1930), Walter Morgenthaler (1882-1965), Luise von Oerzten (1897-1965), Bernhard Rüther (1913-1980), Wilhelm Julius Rudolph Salzwedel (1854-1929) und Karin Wittneben (1935-2016) – Hinweise auf die entsprechenden Artikel im bisher im Umfang von acht Bänden vorliegenden, von Horst-Peter Wolff (Bände 1-3) und Hubert Kolling (Bände 4-8) herausgegebenen und inzwischen – unter https://www.pflege-wissenschaft.info/datenbanken/who-was-who-in-nursing-history – auch online zugänglichen „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte“ gewünscht hätte.
 
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

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