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Freiburger Hilfsgemeinschaft e.V. (Hrsg.): „Euthanasie“-Morde an Freiburger Menschen

Euthansie in Freiburg
Freiburger Hilfsgemeinschaft e.V. (Hrsg.) 
Über Mutter wird nicht gesprochen… „Euthanasie“-Morde an Freiburger Menschen
Eine Dokumentation der Ausstellung des Arbeitskreises „NS-Euthanasie und Ausgrenzung heute“ der Freiburger Hilfsgemeinschaft e.V.  vom 23.04. bis 15.05.2015 in Freiburg.
Mabuse, Frankfurt am Main, 2017, 144 S., 22, 95 €, ISBN 978-3-86321-331-2.

Der Band dokumentiert eine Ausstellung, welche im Frühjahr 2015 in Freiburg gezeigt wurde. Die Ausstellung, die von psychiatrieerfahrenen Menschen initiiert und konzipiert wurde, soll an Bewohner Freiburgs erinnern, die von Euthanasiemorden und Zwangssterilisierungen in der NS-Zeit betroffen waren. Deren Biographien werden nachgezeichnet und erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Er wurde vom Arbeitskreis „NS-Euthanasie und Ausgrenzung heute“ der Freiburger Hilfsgemeinschaft e.V. herausgegeben, einem gemeinnützigen Verein zur Unterstützung von Menschen mit psychischen Belastungen. Der 2010 gegründete Arbeitskreis setzt sich aus psychiatrieerfahrenen Menschen, Ehrenamtlichen, Sozialarbeitern und Studierenden der Sozialen Arbeit zusammen und widmet sich der Erinnerung an Freiburger Opfer der Aktion T 4. Dabei arbeitet der Arbeitskreis mit Gedenk- und Dokumentationsstätten sowie der Stolpersteininitiative Freiburg zusammen (S. 15 f.).

Der Impuls zur Erarbeitung der Ausstellung von Freiburger Opfern ging von einer Bildungsreise aus, die Arbeitskreis-Mitglieder im Jahr 2012 zu den Gedenkfeiern für Euthanasie-Opfer nach Berlin geführt hatte. Zudem erhielt man Anregungen von Personen, deren Vorfahren betroffen waren. Zur Realisierung des Projektes, das nicht von Historikern, sondern von Freiburger Bürgern getragen wurde, trug eine Vielzahl institutioneller und zivilgesellschaftlicher Unterstützer bei (S. 7 f. 137).

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, ergänzt um die Liste der Unterstützer (S. 137), ein Literatur- (S. 138-141) und Abbildungsverzeichnis (S. 142-144). Eingeleitet wird die Darstellung durch die Grußworte der Gäste bei der Eröffnungsveranstaltung (S. 7-12). Anschließend werden die beteiligten Gruppen, die Freiburger Hilfsgemeinschaft e.V. zusammen mit ihrem Arbeitskreis „NS-Euthanasie und Ausgrenzung heute“ sowie das Gedenkprojekt STOLPERSTEINE, vorgestellt (S. 13-20). Die „Zugänge zum Thema“ werden sowohl aus der Perspektive der subjektiven Motivationen (S. 21-24) als auch mittels einer literaturgestützten Abhandlung „Kontinuität und Diskontinuität der NS-Moral in der Sozialen Arbeit“ (S. 24-41) erschlossen. Unter „Realisation der Ausstellung“ werden Konzept, Didaktik und Methodik gemäß dem Leitsatz „Betroffene zu Beteiligten machen“ vorgestellt (S. 42-46). Das Begleitprogramm, bestehend aus themenbezogenen Gesprächsangeboten, und seine Inhalte (S. 47-52) sowie die Resonanz der Ausstellung, wie sie sich aus einer qualitativen Evaluation ergab, (S. 53-66) werden umrissen. Unter „Perspektiven-Ausgrenzung heute?“ (S. 67-70) finden sich Denkanstöße und aktuelle Bezüge. Strukturen und Einrichtungen der NS-Euthanasie in Freiburg (S. 71-90) werden umrissen, bevor 11 Biographien Freiburger Bürgerinnen und Bürger unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichtzugehörigkeit ausgefaltet werden. Dabei fällt auf, dass bei den Getöteten mit psychiatrischen Diagnosen häufig auch prekäre Lebensverhältnisse und/oder jüdische Herkunft assoziiert waren (S. 91-130). Den Abschluss bildet ein Auszug aus dem Namensbuch der Gedenkstätte der Tötungsanstalt Grafeneck (S. 130-136).

Das Buch ist wie das zugrundeliegende Projekt eine Mischung aus subjektivem und wissenschaftlichem bzw. wissenschaftsgestütztem Zugang. Nicht Historiker, sondern Betroffene und Bürger sowie Sozialarbeiter setzen sich mit eigener Betroffenheit, Mechanismen von Ausgrenzung und ethischen Fragen, durchaus auch mit aktuellem Bezug, auseinander (S. 8-10). Bisher vergessene Menschen werden der Vergangenheit und der Marginalisierung entrissen und neu als Freiburger Bürgerinnen und Bürger verortet. Wie aus der Evaluation der Ausstellung hervorgeht, leistete das Projekt einen Beitrag zur persönlichen Auseinandersetzung Betroffener und ihrer Nachfahren mit der Thematik und gab Anstoß zur Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen und Zustände (S. 57-66). Als Beitrag zur Bildungsarbeit kann das Projekt in Buchform ein breiteres Publikum erreichen. Bemerkenswert, gerade für eine Laieninitiative, ist die breite Perspektive auf den Gegenstand, die es ermöglicht, Kontinuitäten ausgrenzenden Denkens nachzuvollziehen. So wird deutlich, dass die Eugenik-Bewegung bzw. der Absolutheitsanspruch eines rationalistisch-naturwissenschaftlichen Paradigmas bereits im frühen 20. Jahrhundert die sozialpolitische und medizinische Debatte dominierte und in der Ideologie des Nationalsozialismus einen Anknüpfungspunkt sowie aufgeschlossene Förderung fand (vgl. S. 28-34 und 76-79). Darstellungen der personellen sowie ideologischen Kontinuität sowohl vor als auch nach dem Dritten Reich und Reflexionen zur prinzipiellen Wiederholbarkeit der Euthanasie zeigen, dass  zwischen Ausgrenzung und bürgerlicher Ideologie, zwischen existentieller Infragestellung bestimmter Gruppen und den Paradigmen von „Knappheit“, Rationierung und Ökonomie unter kapitalistischen Bedingungen Zusammenhänge bestehen (vgl. 24-41, 67-69  und 71-90).

Besonders auch deshalb ist die übersichtliche und prägnante, mit zahlreichen Abbildungen versehene Projektdokumentation ein wertvoller Beitrag zur politischen und ethischen Bildung, nicht nur in der Sozialen Arbeit, sondern z.B. auch an Krankenpflegeschulen. Das Buch bietet einen relativ niedrigschwelligen Zugang zu bleibenden Gefahren in der Verwaltung und institutionellen Bearbeitung sozialer Notlagen bzw. gesundheitsbezogener Bedarfe. Es reicht in seiner Relevanz daher weit über Freiburg hinaus; ihm ist weite Verbreitung zu wünschen.

Eine Rezension von Dipl.-Theol. Andrea Windisch B.Sc.

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