Nov 18, 2019 Last Updated 7:49 AM, Nov 11, 2019

FRITSCH, Emily von

Who was who in nursing history: FRITSCH, Emily von
FRITSCH, Emily von
Artikel von: Jutta Failing
Erschienen in Band 5, Seite(n) .
 

Biographie

Emily von Fritsch, geborene Freiin van der Hoop, wurde am 15. Mai 1868 auf Hof Schmitte, Rodheim-Bieber / Biebertal bei Gießen geboren, wo sie am 27. Dezember 1928 auch verstarb. Die ursprünglich aus Holland stammende Familie war militärisch geprägt, ein Vorfahre ist der hannoversche General der Infanterie Hugh Halkett, der sich in der Schlacht bei Belle Alliance 1815 (Waterloo) verdient gemacht hatte. Der Vater Adrian Frei­herr van der Hoop (1839-1908), studierter Landwirt und Freizeitmaler, bewirtschaftete das Familiengut Hof Schmitte mit Burg- und Herrenhaus, ei­ner Mühle und über 400 Morgen Acker, Wiese und Wald. Die Mutter Georgine, geb. Freiin von Dörnberg, verstarb jung (1842-1876). Emily und ihr ein Jahr älterer Bruder Georg besuchten Schulen in Gießen. In Kas­sel, wo die junge Frau ihre Kenntnisse in Lite­ratur und Kunstgeschichte erweiterte, lernte sie den Husarenrittmeister (2. Husarenregi­ment) und späteren Ehemann Friedrich Hein­rich von Fritsch (1851-1918) kennen. Dessen Weimarer Familie hatte leitende Hofbeamte hervorgebracht; unter anderem den Staatsmi­nister Carl-Wilhelm von Fritsch (1769-1853, Großvater von Friedrich von Fritsch). Aus der 1891 geschlossenen Ehe gingen zwei Kinder hervor, Dorothee (Dodo, 1892-1983) und Albrecht (1900-1983; Kadettenausbildung in Naumburg / Sachsen, Flandernfront 1917, Maler und Bauhaus-Schüler, BBC-Sprecher, seit 1946 unter dem Namen George René Halkett britischer Staatsbürger). Es folgten Stationen in Kassel, Marburg und Rotenburg. Friedrich von Fritsch nahm seinen militäri­schen Abschied und wurde in Weimar Flügel­adjutant des Erbherzogs Karl August von Sachsen-Weimar (bis 1894). Danach stand er als Kammerherr in Diensten der Großherzo­gin Feodora von Sachsen-Weimar und be­treute deren karitative Einrichtungen. Ab 1904 unterstützte er das Patriotische Institut der Frauenvereine, das soziale Lebenswerk der Großherzogin Maria Pawlowna (1786-1859). Auch Emily von Fritsch engagierte sich im Weimarer Frauenverein (Armenfür­sorge). Dort hatte sie unter anderem Kontakt mit dem Kammerherrn Erich von Conta. Hermann Hesse und Henry van der Velde, Leiter der Weimarer Kunstgewerbeschule (später Bauhaus), waren im musischen Haus zu Gast. Emily von Fritsch malte Aquarelle, reiste mit der Familie nach Italien. Die Hof­saison wurde in Weimar verbracht, die Som­merfrische auf Hof Schmitte.

Bei Kriegsausbruch fand Friedrich von Fritsch (Königlich preußischer Major a. D.) Verwendung als Etappen- und Ortskomman­deur in Polen, zuletzt war er Kommandant eines Gefangenenlagers. Am Nikolaustag 1918 starb er schwer verwundet im Lazarett­zug 9 bei Lyck / Masuren. Emily von Fritsch war seit Oktober 1914 als Hilfskranken­schwester im Lazarett der Gießener Provin­zial-Siechenanstalt (Reserve-Lazarett II, Sie­chenanstalt, Licher Straße) tätig, wo sie kör­perlich verletzte Soldaten pflegte. Ob sie da­rüber hinaus im Lazarett der benachbarten Landes-Heil- und Pflegeanstalt („Irrenan­stalt“, heute Psychiatrisches Krankenhaus) beschäftigt war, ist nicht sicher belegt. In die­ser Anstalt befand sich seit 1914 ein weiteres Reserve-Lazarett (II) mit 65 Betten für Ver­wundete, die man je nach Art der Verletzung auf den verschiedenen Abteilungen verteilte. Mehr und mehr entwickelte sich das dortige Reservelazarett, auch dem Charakter der Ein­richtung entsprechend, zur Sammelstelle für traumatisierte Soldaten aus den umliegenden Lazaretten, die an „Kriegsneurosen“ litten. Ingesamt wurden dort 4.758 Soldaten behan­delt, die teils bis 1921 in der Einrichtung blie­ben.

In Gießen, einem bedeutenden Knotenpunkt im Bahnverkehr, standen einige „Heimat­front“-Lazarette zur Verfügung, unter ande­rem Ausflugslokal Windhof bei Heuchelheim, Turnhalle des Turnvereins von 1846 und Kaufmännisches Vereinshaus (beide Nordan­lage), Stein’s Garten-Restaurant (Nahrungs­berg), Alte Klinik (Liebigstraße), Ev. und Kath. Schwesternhaus (Johannesstraße und Seltersberg / Liebigstraße). Die Verwundeten kamen mit Lazarettzügen in die Stadt.

Emily von Fritsch hatte am 14. Dezember 1914 einen dreimonatigen Lehrgang des Gie­ßener Alice-Frauenvereins für Krankenpflege zur „Freiwilligen Krankenpflegerin im Krieg“ abgeschlossen. Am 31. März 1915 wurde sie dann – zunächst ohne vorangegangene Prü­fung – zur Hilfsschwester vom Roten Kreuz ernannt, legte dann aber hierzu am 11. No­vember 1915 die offizielle Prüfung ab. Von November bis Dezember 1916 war sie im Lazarett des Kadettenhauses Naumburg / Sachsen tätig. Aufgrund einer Erkrankung, vermutlich eine Infizierung im Lazarett, schied sie Ende 1917 aus dem Dienst aus. Für ihre Verdienste in der Krankenpflege erhielt sie einige Auszeichnungen, unter anderem das Sanitätskreuz in Bronze, gestiftet vom Groß­herzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein am 12. August 1914.

Emily von Fritsch organisierte auch Hilfsak­tionen für Verwundete und lud auf das Schmitter Hofgut zur Kurzerholung ein. Im Nachlass sind neben Fotos aus dem Lazarett­alltag zahlreiche an die beliebte Hilfsschwes­ter gerichtete Feldpostbriefe und -karten er­halten, adressiert „an die liebe Mutter“. „Liebe Mutter, sie werden mir doch oft schreiben, nicht wahr? Ich habe doch nie­mand. Sie waren ja doch so gut gegen die Soldaten richtig wie eine Mutter für ihre Kin­der. Den Namen Mutter verdienen sie mit Recht. Sie tun ja Ihre Pflicht zu Hause. Ich werde sie im Felde im Donner der Kanonen tun und erhalten bis ans Ende. Tapferkeit und Treue sind die ersten Pflichten des Soldaten. […] Leben sie wohl, auf Wiedersehen. Wil­helm Bohn, Szolnok, Ungarn, 12. Juli 1915,  Musketier 2. Verwundeten Komp. Inf. Rgt. 116 Gießen.“

Im Frühsommer 1918 erreichte die erste Welle der Spanischen Grippe die Gießener Lazarette. Die Empfehlung des Gießener An­zeigers, auf Mund- und Nasenhygiene zu achten, die Nase mit schwacher Kochsalz- oder Zuckerlösung und den Mund mehrfach am Tag mit schwacher Thymollösung auszu­spülen, dürfte insbesondere für das Pflegeper­sonal gegolten haben. Eine Infizierung Emily von Fritsch mit der Seuche ist nicht belegt.

Nach dem Tod ihres Mannes nahm sie auf dem Schmitter Hofgut, das von ihrem Bruder Georg (Hauptmann a. D., 1867-1931) bewirt­schaftet wurde, ihren Witwensitz. 1920 reiste sie nach Java (Niederländisch-Indien) zu ihrer Tochter und deren zweiten Ehemann Dr. Alf­red Leber. Der jüdische Tropenmediziner und Augenarzt betrieb in Malang eine angesehene Klinik, zuvor hatte er, in Begleitung des Ma­lers Emil Nolde und dessen Frau Ada, Süd­see-Expeditionen geleitet. Für Emily von Fritsch, die einen großzügigen Lebensstil ge­wohnt war, brachen infolge der Inflation schwierige Zeiten an. Sie nahm ihr Leben tatkräftig in die Hand, richtete eine Gärtnerei ein und vermietete Zimmer an Studenten. Ihr Reisetagebuch wurde in Auszügen publiziert (Frankfurter Nachrichten, 1922: Bilder aus Java). Die in ihrem Heimatort Rodheim als „Mutter der Verwundeten“ hoch angesehene Adlige starb 60-jährig an Herzversagen. Er­halten ist ihr Grabdenkmal auf dem Friedhof Rodheim mit einer Porträtbüste, vermutlich ein Werk Adolf Brütts (1855-1939, Gründer der Weimarer Bildhauerschule und Bronze­gießerei).


Literatur

Failing, Jutta: „Ihnen, liebe Mutter, bin ich zu ganz besonderem Dank verpflichtet …“ - Das Leben der Freifrau Emily von Fritsch und ihr Einsatz als freiwillige Hilfsschwester in Gießen während des Ersten Weltkriegs. In: Mitteilun­gen des Oberhessischen Geschichtsvereins, Band 93. Gießen 2008, Seite 239-265.

Fritsch, Emily von: Bilder aus Java. In: Frank­furter Nachrichten 1922, Nr. 143 (18. März), Seite 2-3.

Groß, Herwig: Das Reservelazarett während des Ersten Weltkriegs und die offene Nerven­heilanstalt. In: Psychiatrie in Gießen (Histori­sche Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsver­bandes Hessen, Quellen und Studien Band 9). Psychosozial-Verlag. Gießen 2003, Seite 162-174.

Grüntzig, Johannes W. / Mehlhorn, Heinz: Expeditionen ins Reich der Seuche. Medizini­sche Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit. Spektrum Akademi­scher Verlag. München 2005, Seite 244-303.

Hinze, Kurt: Mutter der Verwundeten zum Ge­dächtnis. Vor hundert Jahren wurde auf der Schmitte „Barons Emmi“ geboren. In: Gieße­ner Allgemeine vom 15. Mai 1968.

Klein, Dagmar: Von der Wohltätigkeit zum poli­tischen Engagement. Die Gießener Frauen­vereine 1850-1933. Herausgegeben vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen. Gießen 2006, Seite 58-124.

Thimm, Utz: Die vergessene Seuche - Die „spa­nische“ Grippe von 1918-19 in Gießen, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichts­vereins, Band 92. Gießen 2007, Seite 117-136.

Bildquelle: Heimatverein Rodheim-Bieber e.V.

FRITSCH, Emily von

Version vom: 
2014-02-20

Zitation

Jutta Failing. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Jutta Failing, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 5. hpsmedia, 2014. S.

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=29

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