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Der Tod ist groß“
Erzählungen und Gedichte aus 800 Jahren (Graf, Margarete (Hrsg.) )

Artemis & Winkler, Düsseldorf, 2007, 626 S., 39,90 €, ISBN 9783538040007

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Von Tieren wird immer wieder berichtet, dass sie erahnen, wann ihr Ende kommt. Es ist eine Verhaltensänderung zu beobachten – sie ziehen sich z.B. von ihrem Rudel zurück. Dass beim Menschen solches Verhalten nicht mehr zu beobachten ist, liegt vermutlich nicht daran, dass es dem Menschen nicht auch eigen wäre – gelegentlich ist es ja auch zu beobachten –, sondern vielmehr daran, dass diese Fähigkeit dem Menschen, zumindest dem in der sog. zivilisierten Welt, durch ein stark technisches Umgehen mit dem Leben und damit auch dem Sterben im Laufe eines Jahrhunderts abtrainiert wurde – vielleicht auch einfach daran, dass in der durch das technische Umgehen mit dem Leben bedingten Kultur eine Ahnung des kommenden Todes nicht sein kann, weil dieser eigentlich nicht sein darf. Tiere trauern auch um einen Artgenossen oder sogar einen artfremden Weggefährten, z.B. ein Hund um seine menschliche Bezugsperson, selbst u. U. um eine Katze, mit der er lange Zeit in innigster Feindschaft zusammengelebt hat. Dies alles scheint den Menschen nicht vom Tier zu unterscheiden.

Was den Menschen vom Tier zu unterscheiden scheint, ist, dass er, nicht von Anbeginn seines Lebens an, aber doch ab der späten Adoleszenz, darum weiß, dass er sterben wird – und zwar lange bevor es soweit ist. Dieses spezifisch menschliche Wissen um sein Nicht-mehr-Sein und die damit verbundenen Phantasien sind ein wesentlicher, wenn nicht der entscheidende Beweggrund jeder kulturellen Betätigung des Menschen.

Kultur ist kein zeitloses Geschehen, sondern stets abhängig von der Fähigkeit des Menschen, sein Eingebundensein in die natürlichen Abläufe zumindest partiell zu überwinden. Vor diesem Hintergrund dieser allgemeinen Feststellung unterliegt auch die menschliche Beschäftigung mit Sterben und Tod notwendig einem Wandel. Die im Klinikbereich, vor allem in Intensivstationen nicht selten zu hörende Redeweise davon, man möge doch einen alten Menschen wie früher einfach sterben lassen, erweist sich so als Fehlschluss, zumal von denen, die das Argument einbringen, selten überprüft wird, ob das Sterben in früheren Zeiten wirklich so toll war bzw. wie es von den Menschen empfunden wurde. Der Mensch kommt nicht umhin, vor dem Hintergrund der ihm zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten immer wieder neu um eine angemessene Kultur des Sterbens zu ringen.

Dabei ist es nun sicherlich hilfreich, zu bedenken, wie zurückliegende Generationen sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt haben, denn eines bleibt unabhängig von der Zeit als Konstante – es wird zumindest nur selten bestritten: Der Mensch wird sterben. So gesehen ist der Titel der von Margarete Graf vorgelegten Anthologie einer Beschäftigung mit Sterben und Tod gut gewählt: „Der Tod ist groß“.

Die Herausgeberin hat ungefähr 460 Gedichte und Erzählungen zusammengetragen, die in mehr als 800 Jahren im deutschen Sprachraum entstanden sind. Die ganz alten Texte in Mittelhochdeutsch sind übersetzt und somit gut zugänglich. Spannend wäre natürlich zu schauen, wie in anderen Sprach- und damit auch Kulturräumen mit dem Thema umgegangen wurde und wird.

Im Vorwort schreibt die Herausgeberin: „Blättern Sie durch dieses Buch, und Sie werden alle Formen kennenlernen, in denen sich die Menschen über die Jahrhunderte mit dem Tod auseinandergesetzt haben, je nach Epoche, je nach Geisteshaltung. mit kühler Ratio, in herzzerreißender Verzweiflung, stiller Ergebenheit, freudiger Ungeduld, fassungslosem Entsetzen, mit derbem Humor und feiner Ironie oder als überschwängliche Ausbrüche.“ Es sei empfohlen, der Aufforderung der Autorin nachzukommen.

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