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Austerer/Radinger - Leben mit chronischer Krankheit

Austerer
 
Austerer, A. und O. Radinger
Leben mit chronischer Krankheit
Ein Lehrbuch für Gesundheitsberufe
facultas Universitätsverlag, Wien, 2018, 168 S., 19,90 €, ISBN 978-3-7089-1589-0

Mit ihrem Buch „Leben mit chronischer Krankheit. Ein Lehrbuch für Gesundheitsberufe“ geben die Autoren Astrid Austerer und Oliver Radinger einen theoretischen Einblick in die Komplexität chronischer Erkrankungen und welche Herausforderungen sich aus pflegewissenschaftlicher Sicht für den Umgang mit betroffenen Personen sowie deren Angehörigen ergeben. Mittels ausgewählter Theorien und Modelle werden mögliche Entwicklungen chronischer Krankheiten dargestellt. Darüber hinaus bekommt der Leser aufgezeigt, welche seelischen und psychischen Vorgänge eine Chronizität mit sich bringt. Damit möchten die Autoren eine Grundlage für den Umgang mit chronisch erkrankten Personen und deren Angehörige aus der Sicht der Pflegewissenschaft schaffen.

Mag. Astrid Austerer ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Ihr Studium der Pflegewissenschaft hat sie an der Universität Wien abgeschlossen. Tätig ist sie als Lektorin im Hochschulbereich und als akademische Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege. Auch Mag. Dr. Oliver Radinger ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. Neben der Pflegewissenschaft, gehörten auch Soziologie und Philosophie zu seinen Studienfächern an der Universität Wien. Er ist ebenfalls als Lektor im Hochschulbereich und im Weiterbildungssektor tätig. Aufgrund der Lehrtätigkeit beider Autoren bezieht sich ihr Buch auf die Themenschwerpunkte ihrer gleichnamigen Lehrveranstaltung „Leben mit chronischen Krankheiten“.

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert, die sich jeweils in weitere Gliederungspunkte aufteilen. Inhaltlich gestaltet sind die fünf Kapitel wie folgt:
• Einführung in die Terminologie chronischer Krankheiten – Hier werden zunächst die Begriffe „Gesundheit“, „Krankheit“ und „chronische Krankheit“ definiert. Dabei greifen die Autoren auf unterschiedliche Quellen und damit unterschiedliche Definitionen zurück.
• Bedeutung chronischer Erkrankungen für das Gesundheitssystem, für den Betroffenen und für seine An- und Zugehörigen – In diesem Abschnitt werden kurz die wachsenden Kosten im Gesundheitssystem, die Entwicklungsszenarien und Merkmale chronischer Krankheiten, die Wahrnehmung von Krankheit sowie das damit verbundene Belastungsempfinden thematisiert.
• Theorie- und Modellbildung im Zusammenhang mit Chronizität – Es werden eine Auswahl an Pflegetheorien und sozialwissenschaftlichen Ansätzen referiert und diese in den Kontext chronischer Erkrankungen gesetzt. Aufgeführt werden das Trajektmodell als Vertreter einer interaktionstheoretischen Perspektive, das Modell zur Pflege chronisch Kranker von Mieke Grypdonck, die familien- und umweltbezogene Pflege von Marie-Luise Friedemann und das „Illness-Constellation-Model“ nach Morse und Johnson, das jedoch im Vergleich zu den vorangehenden Modellen sehr kurzgefasst ist.
• Phänomene und Ausprägungen chronischer Erkrankungen unmittelbar am Betroffenen sowie Einflussnahme von Phänomenen im Krankheitsverlauf und auf das Krankheitsempfinden – In diesem Abschnitt stehen das Phänomen Körperbild und das damit verbundene, zerbrochene Selbstbild einer chronisch erkrankten Person im Mittelpunkt. Dabei gehen die Autoren näher auf Stigma, Resilienz und Adhärenz ein. Letztere wird im Rahmen des Medikamentenregimes älterer Menschen betrachtet, um Interventionen zur Verbesserung der Adhärenz aufzuzeigen.
• Health Literacy oder die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Entscheidungen zu treffen – Der thematische Schwerpunkt des letzten Kapitels liegt auf Selbstmanagement und Empowerment von chronisch kranken Patienten. Dabei wird am Beispiel eines Interventionskonzeptes nochmals auf das Medikamentenregime eingegangen.

Besonders gut gelungen und interessant sind die Schilderungen aus der Sicht der Betroffenen, gerade jene, die sich mit den psychologischen Vorgängen und soziologischen Folgen auseinandersetzen. Aber auch die theoretischen Modelle sind insofern richtig gewählt, als dass sie mögliche Krankheitsverläufe sehr gut darstellen. Ebenfalls fallen die Tabellen und Abbildungen positiv auf. Das Buch wirkt in dieser Hinsicht nicht überladen, vielmehr werden die Texte durch die Grafiken gut unterstützt. Anzumerken ist außerdem, dass gelegentlich kritische Stimmen der Autoren am Pflege- oder Gesundheitssystem laut werden, wenn auch zurückhaltend formuliert. Denn was hier als optimale Versorgung gilt – nämlich die personenzentrierte und der systemische Ansatz – kann im Pflegealltag unter den gegebenen Umständen kaum stattfinden. Darüber hinaus tauchen immer wieder Info-Kästen auf, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf bestimmte Inhalte lenken sollen.

Leider ist jedoch der Transfer der theoretischen Modelle auf die Pflegepraxis etwas zu unkonkret, bei den beiden zuletzt vorgestellten Modellen fehlt er gänzlich. Da sich die Zielgruppe dieses Buches noch in der Ausbildung befindet, wären mehr anwendungsbezogene Beispiele aus der Praxis wie auf S. 72 wünschenswert gewesen. Allerdings bieten die letzten beiden Kapitel dafür zum Teil sehr genaue Anwendungsbeispiele (vgl. S. 132).

Etwas irritierend sind die teilweise sehr lang gewählten Überschriften der einzelnen Kapitel. An einigen Stellen wird zudem der Zusammenhang von Überschrift und Text nicht ganz deutlich. Auf S. 32 beginnt z.B. Kapitel „3.2 Krankheits- und Gesundheitsbegriff als beeinflussender Faktor von Selbstmanagement“, in dem jedoch eher die Entwicklung beider Begriffe erläutert, aber kein Bezug zum Selbstmanagement hergestellt wird. Manche Zusammenhänge zwischen den ersten und letzten Abschnitten des Buches ergeben sich für den Leser erst bei nochmaligem Lesen.

Mit ihrem Buch „Leben mit chronischer Krankheit. Ein Lehrbuch für Gesundheitsberufe“ schaffen die beiden Autoren eine gute Übersicht über eine heute sehr wichtige Thematik, die in Anbetracht der immer älter werdenden Gesellschaft stetig an Bedeutung zunimmt. Für Personen, die bereits eine gewisse Expertise im Bereich Pflege chronisch kranker Personen aufweisen, ist das Buch u. U. zu allgemein gefasst. Jedes der aufgegriffenen Modelle und Themen wird in anderen Fachbüchern bzw. könnte in weiteren Werken gesondert und damit detaillierter dargestellt werden. Das Buch ist jedoch für Studierende in Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich Pflege und auch für Interessierte aus anderen Fachbereichen, die sich einen kompakten thematischen Einstieg zum Leben mit chronischen Erkrankungen aus dem theoretischen Blickwinkel, aber mit kurzen praktischen Erörterungen, wünschen, geeignet.
 
Eine Rezension von Franziska Reuther, BSc

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