Feb 17, 2019 Last Updated 7:54 AM, Feb 15, 2019

Forschungswelten 2019

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Stollberg - Patientengeschichte in Hospital, Heilstätte und Krankenhaus

Stollberg
Stollberg, Gunnar (Hrsg.)
Patientengeschichte in Hospital, Heilstätte und Krankenhaus
(Historia Hospitalium. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte, Band 29, 2014/15)
Lit Verlag. Berlin 2016, 606 S., broschiert, ISBN 978-3-643-13174-4
 
Seit 1966 veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte (vgl. www.krankenhausgeschichte.de) in einem zweijährigen Turnus das Jahrbuch „Historia Hospitalium“, dessen Beiträge ihren Blick auf Hospitäler, Krankenhäuser und ähnliche medizinische Organisationen unter sozial-, gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Perspektiven richten. Die aktuelle Ausgabe (Band 29), für deren Herausgabe sich Gunnar Stollberg, Christina Vanja, Florian Bruns und Fritz Dross verantwortlich zeichnen, beschäftigt sich im wissenschaftlichen Teil schwerpunktmäßig mit dem Thema Patientengeschichte in Hospitälern, Entbindungsanstalten und psychiatrischen Krankenhäusern.
 
Prof. Dr. Gunnar Stollberg (1945-2014) war bis zu seiner Pensionierung Hochschullehrer an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Schwerpunktmäßig setzte er sich mit Fragen der Medizinsoziologie und der Medizingeschichte auseinander, ebenso wie mit der Hospital- und Patientengeschichte.
 
Prof. Dr. Christina Vanja ist Leiterin des Fachbereiches „Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen“ beim Landeswohlfahrtsverband Hessen in Kassel und Hochschullehrerin für Neuere Geschichte an der Universität Kassel. Ihre Themenschwerpunkte sind die Hospital- und Krankenhausgeschichte, Geschichte der Psychiatrie und der früheren Kuranstalten.

Dr. Florian Bruns, Arzt und Medizinhistoriker, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Medizingeschichte im 20. Jahrhundert, Geschichte der Medizingeschichtsschreibung und die Patientengeschichte in der DDR.
 
PD Dr. Fritz Dross ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Hospital- und Krankenhausgeschichte, die Geschichte von Aussatz, Pest und Seuchen in der Vormoderne sowie die Geschichte städtischer Gesundheit in der Frühen Neuzeit.
 
Nach dem Editorial von Christina Vanja und Florian Bruns (S. 1-4) sowie einem Nachruf auf Gunnar Stollberg von Fritz Dross (S. 5-7) vereint das Jahrbuch im wissenschaftlichen Teil (S. 9-158) die folgenden fünf Studien:
Irmtraut Sahmland: Eine Interessengemeinschaft im Hospital Haina zur Abwehr der anatomischen Sektion. Akteure und ihre Protestbereitschaft gegen strukturelle Zumutungen (S. 12-45)
Jürgen Schlumbohm: Private Wohltätigkeit – öffentliches Gesundheitswesen. Zum Vergleich zwischen britischen und deutschen Entbindungsanstalten des 18. Jahrhunderts (S. 46-67)
Marina Hilber: Weibliche Beschwerdeführung in der Causa Kleinwächter. Ein Beitrag zur Patientinnengeschichte des Innsbrucker Gebärhauses (S. 68-96)
Jens Gründler: Macht und Alltag im Umfeld eines Lunatic Asylum – ein Fallbeispiel aus Glasgow an der Wende zum 20. Jahrhundert (S. 97-127)
Uta Kanis-Seyfried: Von Wahnsinn, Lebenskrisen und der Sehnsucht nach einem „richtigen Leben“. Zur Diskussion von abweichendem Verhalten und Geistesstörungen in der Psychiatrie des 19. und 20. Jahrhunderts am Beispiel von Patientenschicksalen (S. 128-158).
 
Neben den wissenschaftlichen Beiträgen werden Tagungs- beziehungsweise Symposiumsberichte zu den Themen „Disability History in the Early Modern Society“ (S. 159-196), „Urban History“ (S. 201-202) und „NS-Krankenmord und Gedenken“ (S. 203-255) vorgestellt. Der Gesellschaftsteil enthält Berichte und Vorträge einer Studienreise nach Florenz mit Beiträgen zur „Kunst des Heilens und heilsame Kunst in Bauten und Bildern“ (S. 257-364) sowie die Dokumentation der Jubiläumstagung der DGKG in Münster (Westfalen) mit Vorträgen zur Geschichte der Gesellschaft und zur Medizin- und Krankenhausgeschichte (S. 365-513). Im abschließenden Teil stellen sich die Trägerinnen des Förderpreises der Gesellschaft mit ihren wissenschaftlichen Studien vor (S. 515-558). Besonders hingewiesen sei dabei auf den Beitrag von Maria Keil „Über eiserne Bettstätten“ (S. 542-552), in dem sie die Geschichte des Krankenhausbettes im Zeitraum von 1700 bis 1900 in den modernen Krankenhäusern Europas beleuchtet. Nach Darstellung der Autorin unterscheidet sich das Krankenhausbett sowohl historisch als auch strukturell vom Krankenbett oder Krankenlager. Indem sich ab etwa 1800 eine neue Form von klinischer, stationärer und institutionalisierter Krankenbehandlung etablierte, habe sich das Krankenbett „von einem Ort der Begegnung mit Gott zu einer Schnittstelle von Körpern mit dem System der Gesundheitsversorgung“ gewandelt. So sei das Krankenhausbett als eigener Typ entstanden, in einer distinktiven Gestaltung mit einer neuen Form sowie vielen neuen Funktionen. Zugleich sei das Krankenhausbett im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Baustein der strukturellen Gesundheitsversorgung avanciert.
 
Ergänzt wird der gut 600 Seiten starke Band durch 16 Rezensionen aktueller Neuerscheinungen von der Frühen Neuzeit bis zur jüngsten Geschichte mit Bezug zur Krankenhausgeschichte (S. 559-593).
 
Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte hat erneut ein sehr umfangreiches Jahrbuch vorgelegt, das eine Vielzahl interessanter Beiträge – zum Schwerpunktthema „Patientengeschichte“ vor allem auch die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse jüngerer Historikerinnen und Historiker – enthält, wobei das Hauptaugenmerk unverkennbar auf der Medizingeschichte liegt. Im Hinblick auf die Vielzahl der in Krankenhäusern und Kliniken Tätigen wäre künftig eine ausgewogenere Darstellung beziehungsweise die Berücksichtigung anderer Berufsgruppen, darunter das schon allein zahlenmäßig am stärksten vertretene Pflegepersonal, wünschenswert.
 
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

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