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Clementine Kinderhospital Dr. Christ´sche Stiftung (Hrsg.): Clementine von Rothschild 1845-1865

 

Societäts-Verlag. Frankfurt am Main, 2000, 112 S., gebunden

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Vielseitig begabt, tief religiös, von großer Menschenliebe erfüllt, dabei anmutig und schön, aber „zu zart für diese Erde“, so schrieb ihr Lehrer, der Frankfurter Rabbiner Leopold Stein über Clementine von Rothschild. Nur 20 Lebensjahre waren der außergewöhnlichen Frau beschieden, die 1865 an einer nicht näher bezeichneten Krankheit starb, die ihr über Jahre hinweg zugesetzt hatte. Zehn Jahre nach ihrem Tod, im November 1875, wurde von ihrer Mutter, der Freifrau Louise von Rotschild, das Clementine-Mädchenspital eröffnet, in dem kranke Mädchen ohne Unterschied der Religion, des Standes und der Ortszugehörigkeit kostenlos medizinisch behandelt werden sollten. Aus Anlass des 125-jährigen Bestehens der Einrichtung hat die Stiftung, die heute das „Kinderkrankenhaus“ betreibt, eine aufwendige und liebevoll gestaltete Festschrift herausgegeben, in deren Mittelpunkt vor allem diese beiden Frauen – Clementine und Louise von Rothschild – stehen.

Als dritte von sieben Töchtern kam Clementine im Juni 1845 zur Welt. Ihre Eltern, Mayer Carl und Louise von Rothschild, fühlten sich dem liberalen Judentum verbunden. Das wichtigste Vorbild für das Kind war ihre Mutter. Diese entstammte dem englischen Zweig der Dynastie; 1842 hatte sie ihren Vetter, den Bankier Mayer Carl von Rothschild geheiratet. Die Familie wohnte in jenem Palais am Untermainkai, in dem später das Jüdische Museum untergebracht wurde. Der Landsitz der Rothschilds, die „Villa Günthersburg“ wurde nach dem Tod des Hausherrn abgerissen und das Grundstück als Park öffentlich zugänglich gemacht. Louises englische Herkunft prägte das Familienleben: Die Töchter wuchsen zweisprachig und weltoffen auf, sie selbst blieb ein Leben lang „an Englishwoman in heart and soul“. Als sie zum Andenken an ihre früh verstorbene Tochter Clementine die Stiftung für ein Mädchenspital ins Leben rief, zog sie für den Bau des Krankenhauses englische Fachleute zu Rate. So entstand auf der Höhe des Röderbergs, inmitten eines großen Gartens, ein Spital für 18 bis 20 Betten, das den jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprach. Das im sogenannten „Pavillonsystem“ (das heißt mit Krankensälen, die in der von Norden nach Süden verlaufenden Längsachse liegenden Fenster nach Osten und Westen haben) errichtete Krankenhaus wurde von den Frankfurter Architekten Mylius & Bluntschli erbaut. Louise von Rothschild hatte freilich nicht nur „beachtliche finanzielle Mittel“ zur Verfügung gestellt, sondern besuchte bis ins Greisenalter hinein die kleinen Patienten selbst, um ihnen „jede nur mögliche Hilfe und Erleichterung zu Teil werden zu lassen“, wie Rabbiner Rudolph Plaut in seiner „Gedächtnisrede“ nach dem Tod der Stifterin im Dezember 1894 betonte. Louise von Rotschild hat nicht nur das Clementine-Mädchen-Spital gegründet, sondern eine Fülle weiterer Einrichtungen unterschiedlichster Art und Zielsetzung gestiftet, zu gründen mitgeholfen oder unterstützt – vom Frankfurter „Stadtbad Mitte“ bis hin zu einem Lazarett, das sie 1870 für verwundete Soldaten des deutsch-französischen Krieges einrichtete und dem sie, zusammen mit ihren Töchtern, viel Zeit und Aufmerksamkeit schenkte.

Im Jahre 1938 wurde die Rothschildsche Stiftung aufgelöst, das Clementine-Krankenhaus 1943 von Bomben zerstört. Als die Stiftung nach dem Krieg die Arbeit wieder aufnehmen konnte, wurde auf dem Gelände des ebenfalls zerstörten Kinderhospitals der Dr. Christ´schen Stiftung ein neues Kinderkrankenhaus gebaut, das 1954 eröffnet wurde. Im Jahre 1975 schlossen sich beide Stiftungen zur „Clementine Kinderhospital Dr. Christ´schen Stiftung“ zusammen. Ihre wichtigste Aufgabe sieht die heutige Stiftung, entsprechend ihrer Tradition, in der wohnortnahen Versorgung von stationär behandlungsbedürftigen Kindern - vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen. Darüber hinaus bietet das Krankenhaus für das gesamte Rhein-Main-Gebiet wichtige medizinische Schwerpunkte an wie Nephrologie und Rheumatologie, Pneumologie und Allergologie, Neurologie und Psychosomatik sowie das Zentrum für Kinderdialyse. Dafür stehen ihm heute, nach etlichen Sanierungs- und Erweiterungsmaßnahmen vier Stationen mit insgesamt 75 Betten, eine Tagesklinik mit vier Behandlungsplätzen, eine Kinderkrankenpflegeschule und ein Schwesternwohnheim zur Verfügung. Mit der kürzlich eröffneten, auch für Kinder mit Allgemeinerkrankungen konzipierten Tagesklinik soll den kleinen Patienten, wenn irgend möglich, der stationäre Aufenthalt erspart bleiben und dem Ziel einer zugleich optimalen wie kostenbewussten Medizin Rechnung getragen werden.

Wer weitere Einzelheiten über das Clementine-Mädchen-Spital, seine Stifterin und seine Namenspatronin (Barbara Reschke) sowie Informationen zum geistig-religiösen Umfeld der Stiftung und ihrer Gründerfamilie (Bettina Kratz-Ritter) erfahren möchte, dem sei die in herausragender Druckqualität vorgelegte Veröffentlichung wärmstens empfohlen.

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