#1 05.02.2021 11:53:17

Andreas Westerfellhaus
Gast

Aktuelle Situation der Pflegenden

Aktuelle Situation der Pflegenden
von Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung

Der Pflegekräftemangel ist gegenwärtig eine der gravierendsten Herausforderungen in der Pflege. Das wurde nicht erst durch die Corona-Pandemie ausgelöst. Es wird jetzt aber noch einmal ganz deutlich, wie „systemrelevant“ Pflegekräfte sind.

Die Krise hat vielen ganz klar gemacht, dass Pflegekräfte mit ihrer hochqualifizierten Arbeit die gesundheitliche Versorgung der Patienten und pflegebedürftigen Menschen sichern. Auch wenn die Bedingungen oft sehr schwierig sind.

Und die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird voraussichtlich auch in Zukunft kontinuierlich steigen. Wir benötigen deshalb mehr als kurzzeitige Gesten der Anerkennung wie Applaus oder Einmalprämien. Wir brauchen dauerhaft wirksame Veränderungen, zum Beispiel vernünftige Arbeitsbedingungen, Löhne, Arbeitszeiten und eine spürbar verbesserte Personalausstattung in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Das Ziel muss sein, die Pflege für die Menschen in Deutschland sicherzustellen und die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern.

Die Politik hat dies längst erkannt und deshalb haben bereits 2018 drei Ministerien in der Konzertierten Aktion Pflege – kurz KAP – gemeinsam mit allen Akteuren der Pflege mit Hochdruck an einem umfassenden Maßnahmenkatalog gearbeitet. Der 2019 veröffentlichte Abschlussbericht beinhaltet zahlreiche Selbstverpflichtungen der Partner, die nun zügig umgesetzt werden müssen.

Pflegekräfte benötigen vor allem eine flächendeckend attraktive Entlohnung mindestens auf Tarifniveau und optimale und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Der Gesetzgeber hat deshalb die Refinanzierung von Tariflöhnen in der Langzeitpflege möglich gemacht. Jetzt sind die Sozialpartner am Zug.

Um gerade kleine und mittelständische Pflegeeinrichtungen zu unterstützen, habe ich im vergangenen Jahr ein „Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedingungen in Pflegeeinrichtungen“ initiiert. Dazu wurde zunächst ein Instrumentenkoffer mit bewährten Maßnahmen für zum Beispiel stabile Dienstpläne entwickelt und anschließend die Führungskräfte am Projekt teilnehmender Pflegeeinrichtungen im Umgang mit den Instrumenten geschult. In einer zweiten Phase, die gerade gestartet ist, wird jetzt das bundesweite Rollout koordiniert, mit dem Ziel, dass mindestens 750 ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen teilnehmen.

Für eine hohe Arbeitszufriedenheit sind insbesondere stabile Dienstpläne von großer Bedeutung. Hierfür wird eine bedarfsgerechte Personalbemessung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen benötigt. Für die Langzeitpflege hat Prof. Rothgang hier ein umfassendes Modell vorgelegt, dass nun zügig pilotiert und umgesetzt
werden muss.

Im Krankenhaus sollten die als Zwischenlösung eingeführten Personaluntergrenzen baldmöglichst abgelöst werden durch eine einheitliche Personalbemessung. Ein Vorschlag hierfür, der von ver.di, Deutscher Krankenhausgesellschaft und Deutschem Pflegerat, vorgelegt wurde, muss jetzt weiterentwickelt und eingeführt werden.

Eine weitere Antwort auf den Fachkräftemangel liegt in der neuen, im vergangenen Jahr eingeführten Pflegeausbildung. Die Reform der Pflegeberufeausbildung macht sie moderner und interessanter.

Erstmals wurden Aufgaben definiert, die ausschließlich Pflegefachfrauen und -männern vorbehalten sind. Auch durch die Möglichkeit des Studiums erhalten Pflegekräfte wesentlich breitere Einsatzmöglichkeiten und berufliche Perspektiven, die mehr Schulabgänger als bislang ansprechen werden.

Grundsätzlich gilt es, wie in anderen verantwortungsvollen Berufen auch, dass für spezialisierte Einsatzbereiche erforderliche Kompetenzen durch ergänzende Fort- und Weiterbildungen zu erlangen sind.

Denn damit die bedarfsgerechte Versorgung der Patienten und Pflegebedürftigen in Zukunft noch gelingt, muss die Zusammenarbeit zwischen den Berufen im Gesundheitswesen neu gestaltet werden.

In einem Strategieprozess, der vom Bundesministerium für Gesundheit initiiert wurde, geht es deshalb darum, Aufgaben nach „Können“ zu verteilen – also Pflegekräften mehr Verantwortung zu geben und sie gleichzeitig von pflegefernen Aufgaben zu entlasten. Hier erwarte ich jetzt zügig Ergebnisse.

Eine Aufwertung des Pflegeberufs, der auf Augenhöhe mit anderen Heilberufen agiert, erfordert in jedem Fall eine berufsständische Selbstverwaltung in Form einer Pflegekammer. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie dringend wir Pflegekammern benötigen. Nur eine berufliche Selbstverwaltung kann Auskunft darüber geben, wie viele Pflegekräfte mit welcher Qualifikation im jeweiligen Bundesland vorhanden sind und eingesetzt werden können. Dies ist eine genuine Aufgabe von Pflegekammern.

Aber nicht nur im Ausnahmefall benötigt die Pflege eine Standesvertretung. Pflegekammern in allen Bundesländern sind die richtigen Ansprechpartner für Fortbildung, Standesrecht und fachliche Standards. Die Bundespflegekammer muss dann im Gemeinsamen Bundesausschuss, der Gematik und anderen Selbstverwaltungsgremien sitzen und die Politik in allen pflegeberuflichen Fragen beraten.

Nur gemeinsam können wir mit vielfältigen Maßnahmen dafür sorgen, dass die bestmögliche Versorgung der Patienten und Pflegebedürftigen auch langfristig und nachhaltig gesichert werden kann.

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