Dec 17, 2018 Last Updated 10:20 AM, Dec 14, 2018

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Who was who in nursing history: SCHULENBURG, Katharina Gräfin von der
SCHULENBURG, Katharina Gräfin von der
Artikel von: K. Wittneben
Erschienen in Band 3, Seite(n) 253-255.
 

Biographie

Katharina Gräfin von der Schulenburg ist nur eine der vielen, ungezählten und bis heute pflege-historisch nicht ausdrücklich gewürdigten Kranken-schwestern, die bei ihrem Einsatz als „Kriegs-schwestern“ im Ersten und Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Die Kriegsschwestern des Ersten Weltkrieges, zu denen K. von der Schulen-burg gehörte, wurden zu ihrer Zeit in der Regel als „Feldschwestern“ in Analogie zu den „Feldgrauen“ bezeichnet, den in Grau gekleideten Soldaten, die „im Felde standen“. K. von der Schulenburg war, bevor sie Diakonisse wurde, „Johanniterin“, d.h. Mitglied der Johanniterschwesternschaft. Eine pfle-gehistorische Aufarbeitung dieser Schwesternschaft steht ebenfalls noch aus. Katharina Gräfin von der Schulenburg wurde am 3. Mai 1867 als jüngste Tochter von Günther Graf von der Schulenburg-Wolfsburg und seiner Ehefrau Adelheid, geb. Gräfin von der Schulenburg-Emden, in Wolfsburg geboren. Die besonders durch das Volkswagenwerk heute be-kannte Stadt Wolfsburg wurde 1938 auf dem Gebiet des Rittergutes Wolfsburg und sechs umliegender Gemeinden als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallers-leben“ gegründet und bekam 1945 ihren heutigen Namen. Die Mutter starb, als Katharina erst drei Jahre alt war. An ihre leibliche Mutter hatte sie später keine Erinnerung. Der Vater verheiratete sich wieder mit der Schwester seiner ersten Ehefrau. Die Komtesse von der Schulenburg erhielt ihre Schulbildung und wahrscheinlich eine recht strenge Erziehung in ihrer damaligen Heimatgemeinde. Als sie später ihren Lebenslauf für das Diakonissenhaus aufschrieb, vermerkte sie, wie Hoffmann übermit-telt: „In christlichem Sinn sind wir Kinder einfach und streng erzogen, ich glaubte wohl manchmal, zu streng, habe aber später gelernt, auch hierfür mei-nen Eltern recht dankbar zu sein“. Sie wuchs also in einer dörflichen, einer einen breiteren sozialen und politischen Ausblick beschränkenden Umgebung auf. Als Zwanzigjährige trat sie 1887 als Helferin in das 1837 von Johannes Gossner (1773-1858)? mit einem Spendenaufkommen geschaffene Elisabeth-Krankenhauses in Berlin, Lützowstrasse 24-26, ein. Seit dem 1. Oktober 1889 arbeitete sie hier als „Jo-hanniterin“ und wurde 1892 als Probeschwester auf-genommen. Auf Geheiß ihres Vaters sollte sie sich nicht vor ihrem 23. Lebensjahr als Diakonisse bin-den. Ihre Einsegnung als Diakonisse erfolgte am 29. September 1896, also erst in einem Alter von fast dreißig Jahren. Noch als Johanniterin hat sie die Krankenpflege zwischenzeitlich auch in ihrer Heimatgemeinde ausgeübt. Oberin des Elisabeth-Krankenhauses war um diese Zeit Anna Gräfin von Arnim. Erst sie gestaltete das Elisabeth-Krankenhaus zu einem Diakonissenhaus Kaiserswerther Prägung um. Unterstützung fand sie dabei in dem westfälischen Pastor Kuhlo, der aus seiner westfälischen Gemeinde eine Gruppe von Probeschwestern mitbrachte, die durch die Minden-Ravensberger Erweckung geprägt waren. Sie bil-deten den Kern der Schwesternschaft. Das war die geistige und geistliche Einstellung im damaligen „Elisabeth-Kranken- und Diakonissen-mutterhaus“, das heute „Elisabeth-Diakonissen- und Krankenhaus“ (1997) heißt. Nach einer dörflichen, eher engen Sozialisation war K. von der Schulen-burg dort zunächst lernend und dann über viele Jahre leitend als Stationsschwester tätig. Zeitweise wurde sie auch an der Pforte, d.h. als Aufnahmeschwester eingesetzt. Außerdem wurde sie in Krankenhäusern in Roßla am Südharz und in Lauenburg beschäftigt, in denen das Berliner Diakonissenhaus die Pflege-arbeit besorgte. Ob es sich dabei um Lauenburg a.d. Elbe oder um Lauenburg i. Pommern (heute poln. Lebork) gehandelt hat, konnte noch nicht abgeklärt werden. Gleich in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges, am 11. August 1914, begab sich die Diakonisse K. von der Schulenburg als Leiterin einer Pflegegruppe, der Diakonissen, Johanniter- und Hilfsschwestern aus dem Elisabeth-Diakonissen- und Krankenhaus angehörten, „ins Feld“. In der Version des Diako-nissenhauses, die Borrmann (1936) übermittelt, ver-starb sie schon bald darauf am 2. September 1914 infolge von Überanstrengung in Tirlemont/ Belgien (niederl. Tienen). Der kleine Ort liegt östlich von Brüssel. Diese Version ihres Todes wird schon zwanzig Jahre früher auch von Hoffmann (1916) überliefert. Nach dieser Erzählung traf die von Schwester Katharina geleitete Pflegegruppe am 25. August 1914 unter einem Kugel- und Aschenregen in Löwen ein. In einem überfüllten Lazarett nahmen die Schwestern sofort ihre Arbeit auf. Schwester Katharina wirkte außerdem stundenlang am Operationstisch mit. Von Löwen wurde ihre Schwesterngruppe nach Tirle-mont beordert. Darüber berichtete sie dem Mutter-haus am 28. August 1914. Das war die letzte Nach-richt aus ihrer Feder, und schon am nächsten Tag musste sie sich hinlegen, ohne dass so recht fest-gestellt werden konnte, was ihr fehlte. Wie Hoff-mann berichtet, entschlossen sich die Ärzte noch am 1. September frühmorgens zu einer Operation. Die Narkose verlief angeblich komplikationslos, doch das Herz erwies sich wohl als zu schwach. Katharina von der Schulenburg schlief am 2. September 1914 morgens um fünf Uhr ein. Sie wurde zwei Tage später mit militärischen Ehren bestattet, d.h. eine Kompanie Soldaten gab drei scharfe Salven über dem offenen Grab als Ehrengruß. In dem 1936 (2., unveränderte Auflage) von Elfriede von Pflugk-Harttung herausgegebenen Sammelband „Frontschwestern“ findet sich eine andere Version ihres Todes. In einem, wie es dort heißt, von Johan-niterschwerstern verfassten Bericht „Im Überfall von Löwen“ (niederl. Leuven, frz. Louvain) schreibt K. von der Schulenburg am 28. August 1914 aus Tirlemont, offenbar unverletzt, von den grauener-regenden Folgen der Kampfhandlungen zwischen Deutschen und Belgiern, die sie und ihre Mitschwe-stern erlebt und gesehen haben: „Um 10 Uhr rückten wir aus. Ein langer Zug. Soldaten, die Kranken auf Wagen, dahinter marschierten nur vier Soldaten und eine lange Reihe Gefangener. Vorbei ging es an ge-fallenen Pferden, brennenden Häusern und ver-kohlten Leichen. Niemand von uns vergißt wohl dieses Bild ...“. Am selben Tag berichtet eine gewisse Schwester Frieda aus Tongern (belg. Tongeren), einem klei-neren Ort zwischen Brüssel und Aachen: „Wenn wir nur erst wieder mit Schwester Katharina vereint sind, werden wir ganz glücklich sein. Sie konnte leider heute nicht mitreisen, sie war noch zu elend*). Wir haben sie in Tirlemont ins Lazarett gebracht, wo Rot-Kreuz-Schwestern sind. Sie ist da gut aufge-hoben ...“. Die mit einem Sternchen angemerkte Fußnote zu diesem Text lautet: „Schwester Katharina Gräfin von der Schulenburg war bei dem Überfall in Löwen beim Bergen von Verwundeten schwer verletzt worden“. Eine Woche später, am 5. September 1914, berichtet Schwester Frieda, dass K. von der Schulenburg am Vortag mit militärischen Ehren in Tirlemont bei-gesetzt worden ist, und die Berichterstatterin fügt hinzu, dass wohl zum erstenmal eine Schwester auf diese Weise beerdigt wurde. Eine Verwundung K. von der Schulenburgs erwähnt die besagte Schwe-ster Frieda nicht. Die Version einer Kriegsverletzung wird von K. Gräfin Schulenburgs Cousine, Bertha Gräfin von der Schulenburg, in einem Bericht gestützt, den diese für den erwähnten Sammelband unter dem Titel „Vor-marsch 1914“ geschrieben hat. B. Gräfin Schulen-burg war bereits Direktorin der 1909 eröffneten „Frauenschule der Inneren Mission“ in Berlin (Kurfürstenstrasse 43, 3. Etage, später Kalckreuth-strasse 8), als sie sich 1914 als Kriegsschwester ver-pflichtete. Zuletzt war sie in Kortrijk/ Belgien ein-gesetzt. Im August 1915 wurde sie von ihrer Schule zurückgefordert. Sie leistete diesem Rückruf Folge, da inzwischen, wie sie berichtet, genügend ausgebil-dete Pflegekräfte vorhanden waren. Auf der Rück-reise besuchte sie das Grab ihrer Cousine in Tirle-mont. Die Cousine war, so klingt der Bericht aus: „... bei dem heimtückischen Überfall in Löwen bei der Bergung von Verwundeten gefallen“. Nach die-sem Bericht liegt K. von der Schulenburg gemein-sam mit 96 Soldaten auf dem Tirlemonter Friedhof begraben. Mit dieser quellenkritischen Betrachtung des Todes einer Kriegsschwester aus dem Ersten Weltkrieg lässt sich nur ansatzweise die enorme, umfassende Detailkenntnis erfordernde sowie Ausdauer und Sorgfalt gebietende pflegehistorische Aufarbeitung von pflegerelevanten Ereignissen aufzeigen. Ob Ka-tharina Gräfin von der Schulenburg nun infolge von Überanstrengung verstorben ist, wie Borrmann und Hoffmann übermitteln, oder, wie der von von Pflugk-Harttung in nationalsozialistischer Tendenz vorgelegte Sammelband in Berichten wissen lässt, eher heldenhaft wie ein Soldat verwundet oder sogar gefallen ist, ist auf der Grundlage der herange-zogenen Texte nicht abschließend entscheidbar. Mit Scharfsinn und sehr großer Skepsis muss aber wohl eher das von von Pflugk-Harttung herausgebrachte Werk behandelt werden. Als Forschungsgegenstand, und d.h. nicht als Quel-le, vermittelt jedoch gerade dieser Sammelband von Berichten einer kleinen Gruppe von gut 50 Kriegs- bzw. Feldschwestern ein interpretationsfähiges und ein interpretationswürdiges Bild, zumal allein schon eine nur kleine Textauswahl einen Unglaubwürdig-keitsverdacht aufkommen lässt. Die ehemaligen Feldschwestern sind erst in einem zeitlichen Ab-stand von gut zwanzig Jahren von der Herausgeberin zu verehrungswürdigen „Frontschwestern“ verklärt worden. Die Herausgeberin und Wortführerin dieser Gruppe war selbst Kriegsschwester im Ersten Welt-krieg und nimmt mit diesem Werk, sei es bewusst oder unbewusst, auch eine Selbstvergötterung vor. Ein Unterfangen, aus der offenbar geschönten (und schlimmstenfalls zumindest teilweise gefälschten) Darstellung dieser kleinen, privilegierten Gruppe von Feldschwestern, die zu hohen Anteilen der bür-gerlichen und adligen Gesellschaftsschicht zuzu-rechnen sind, eine These für die Gesamtheit der Kriegsschwestern herleiten zu wollen, müsste aller-dings als eine grobe Fehlleistung gewertet werden. Der untersuchenswerte Sammelband kann nur für sich selbst sprechen.

Literatur

Bericht mehrerer Johanniterschwestern: Im Überfall von Löwen. In: Pflugk-Harttung, Elfriede von (Hrsg.): Frontschwestern. Ein deutsches Ehrenbuch. Bernard & Graefe, 2., unveränderte Auflage, Berlin 1936, Seite 26-28. Borrmann, [August], D.: Die Diakonissen des Kaiserswerther Verbandes im Weltkrieg. Anlage: Lebensläufe der durch den Krieg oder infolge des Krieges verstorbenen Schwestern. Bertelsmann, Gütersloh 1936, Seite 408-428. Hoffmann, Adolf: Im Dienst verzehrt. In: Frauenlob 1918. Ein Jahrbuch für Frauen und Jungfrauen. Verlag der Evangelischen Gesellschaft, Stuttgart 1918, Seite 49-60. Jahrbuch des Bundes Deutscher Frauenvereine 1916. Heimatdienst im ersten Kriegsjahr. Im Auftrag des Bundes Deutscher Frauenvereine herausgegeben und bearbeitet von Elisabeth Altmann-Gottheiner. Teubner, Leipzig / Berlin 1916. Pflugk-Harttung, Elfriede von (Hrsg.): Frontschwestern. Ein deutsches Ehrenbuch. Bernard & Graefe, 2., unveränderte Auflage, Berlin 1936. Salomon, Alice: Die Ausbildung zur sozialen Berufsarbeit. Die Frau 24 (1916 / 1917) 2, Seite 263-276. Salomon, Alice: Der soziale Frauenberuf. In: Schmidt-Beil, Ada (Hrsg.): Die Kultur der Frau. Verlag für Kultur und Wissenschaft, Berlin-Frohnau 1931, Seite 309-316. Schauer, Hermann: Frauen entdecken ihren Auftrag. Weibliche Diakonie im Wandel eines Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1960. Schulenburg, Bertha Gräfin von der: Vormarsch 1914. In: Pflugk-Harttung, Elfriede von (Hrsg.): Frontschwestern. Ein deutsches Ehrenbuch. Bernard & Graefe, 2., unveränderte Auflage, Berlin 1936, Seite 39-43. Städtische Behörden Berlin (Hrsg.): Die öffentliche Gesundheits- und Krankenpflege der Stadt Berlin. Festschrift der Stadt Berlin, dargeboten dem X. Internationalen Medizinischen Kongress. Hirschwald, Berlin 1890.

SCHULENBURG, Katharina Gräfin von der

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

K. Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von K. Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 253-255

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=701

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2

probezugang

DHM Pflege Medizinp