Jun 01, 2020 Last Updated 1:52 PM, May 19, 2020

Who was who in nursing history: SCHWING, Gertrud
SCHWING, Gertrud
Artikel von: K. Hoffmann
Erschienen in Band 3, Seite(n) 257-258.
 

Biographie

Gertrud Schwing (22.6.1905 – 19.11.1993) war die erste Krankenschwester, die psychoanalytisch arbei-tete und darüber 1940 ihr Werk „Ein Weg zur Seele des Geisteskranken“ (Zürich: Rascher) veröffent-lichte, das gerade unverändert nachgedruckt wird (ISBN 3-88074-371-1) und sowohl auf englisch (1954 mit einer Einleitung von Frieda Fromm-Reichmann) als auch auf italienisch (1988) übersetzt wurde. In Zürich in eine fromme protestantische Familie hinein geboren, arbeitete sie als Krankenschwester in der bis heute bedeutenden Diätklinik Bircher-Brenner in Zürich, bis sie in den 1920er Jahren zu dem Wiener Psychoanalytiker und engen Freund Sigmund Freuds (1856-1939), Paul Federn (1871-1950), in Behandlung kam. Anschließend arbeitete sie in der Psychiatrischen Universitätsklinik Wien eng mit Federn zusammen, zugleich absolvierte sie ihre Lehranalyse bei Anna Freud und wurde Mit-glied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung – was Krankenschwestern erst in den letzten Jahren in den USA überhaupt wieder möglich ist! Federn ist ein Wegbereiter der psychoanalytischen Psychosentherapie, sein Konzept der Ich-Stärkung nach wie vor wesentlicher Bestandteil vieler Psycho-therapiekonzepte. In ihrem Buch beschrieb Schwing die enge Zu-sammenarbeit mit dem Psychoanalytiker, wobei die Krankenschwester vor allem mit ihrer präsenten Mütterlichkeit und mit Zuwendung wirke. Letztere hätten die Patienten zu wenig oder zu verzerrt erfah-ren, was die Psychose wesentlich mitverursacht hät-te. Im Unterschied zu modernen Konzepten lehnte sie – ebenso wie Federn - eine Analyse vor allem der negativen Gegenübertragung strikt ab. Provokativ modern sind allerdings ihre Forderungen nach individuellem Zugang zu den Patienten, die Bedeutung des Lebenswertes einer jeden Lebens-form einschließlich der chronisch schizophrenen so-wie ihre Analyse, dass bei der Insulinschockbe-handlung letztlich die intensive Zuwendung wirksa-mer sei als die pharmakologische Wirkung an sich. „Nur der eindeutig mütterlichen Zuwendung, das heißt, nur den Menschen, die ausschließlich helfen wollen, gelingt es, die Verstummten, Reaktionslosen, die in sich und ihre Innenwelt Versunkenen zu errei-chen. Der leiseste Wunsch, auch zu beobachten, zu lernen, zu überlegen, schloss jedes Mal die Türen zu dieser unerreichbar scheinenden Welt.“ (1940:36) Schwings Ansatz wurde in der psychoanalytischen Fachdiskussion der 1950er Jahre intensiv diskutiert (siehe Brody & Redlich 1952). Vor allem Fromm-Reichmann problematisierte den Ansatz der Mütter-lichkeit und der emotionalen Korrektur früher Defi-zite als zu einseitig, auch würden psychotische Pa-tienten durchaus von einer Analyse der Gegenüber-tragung profitieren (Hoffmann & Elrod 1999). In der heutigen Diskussion der therapeutischen Ge-meinschaft (Hoffmann 1998) werden individuell un-terschiedliche Übertragungskonstellationen festge-stellt, die – ganz im Sinne Schwings – in Super-visionen analysiert werden sollten, damit sie thera-peutisch und pflegerisch genutzt werden können. Hermann Nunberg und Ernst Federn beschreiben sie 1967 zu Recht als Pionier der Psychosentherapie (1977: 136, Anmerkung 22). Ab dem Ende der 1930er Jahre lebte und arbeitete Schwing als Psy-choanalytikerin in Zürich. In der Pflegewissenschaft griff Hildegard E. Peplau (1909-1999)? [1995] die Ansätze Fromm-Reich-manns intensiver auf als diejenigen Schwings, wobei Schwing – in einem durchaus traditionellen Setting – eine differenzierte Darstellung therapeutischer und pflegerischer Aufgaben liefert, die Peplau eher aus-klammert. „Bei einem der obengenannten Fälle erwies sich die Aufteilung der Behandlung auf zwei Personen (weibliche Helferin und männlicher Ana-lytiker) als sehr günstig. Verschiedene Probleme wa-ren dadurch positiv gelöst. Das ‚Erleben der Mutter’ hatte die Kranke zugänglich und übertragungsfähig gemacht. Die Einbeziehung des männlichen Analy-tikers vervollständigte die infantile Situation. Die so entstandene doppelte Beziehung brachte drei Vortei-le. Sie verhütete erstens die schweren Rückfälle durch vorübergehende Abwesenheit des einen Ob-jektes, wie wir es bei Patientin Betty erlebt haben; zweitens erleichterte sie die Wiederbelebung und Lösung der kindlichen Konflikte; drittens entlastete sie durch die Befriedigung, die das mütterliche Ob-jekt gewährte, die Beziehung zum Analytiker.“ (Schwing 1940:117-118) Einzelfallbezogene differenzierte Verlaufsdarstel-lungen in multiprofessionellen psychotherapeuti-schen Settings wären heute eine Herausforderung für die Pflegewissenschaft.

Literatur

Brody, Eugene B.; Redlich, Fredrick C. (Hrsg.): Psychotherapy with Schizophrenics. International Universities Press, New York 1952. Hoffmann, Klaus: Psychoanalytische Anregungen zur Bezugspflege. Psychiatrische Pflege Heute 4 (1998) Seite 131-135. Hoffmann, Klaus; Elrod, Norman; Fromm-Reichmann, Frieda: On her Contribution to Psychoanalytic and Psychiatric Theory. International Forum of Psychoanalysis 8 (1999) Seite 13-18. Nunberg, H.; Federn, E. (Hrsg): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. S. Fischer, Frankfurt am Main (1977). Peplau, Hildegard E.: Interpersonale Beziehungen in der Pflege. Ein konzeptioneller Bezugsrahmen für eine psychodynamische Pflege. Recom, Basel / Eberswalde 1995;englisches Original 1988. Schwing, Gertrud: Ein Weg zur Seele des Geisteskranken. Rascher, Zürich 1940. – auf englisch (1954), A way to the soul of the mentally ill. New York: International Universities Press, übersetzt von Rudolf Ekstein und Bernhard H. Hall. – Auf italienisch (1988), La pazzia e l’amore. Un cammino verso l’anima del malato di mente. Pisa: Edizioni del Cerro, übersetzt von Marco Conci, Roberto Schöllberger und Brigitte March. Ich danke Ernst Federn und Marco Conci für wichtige Hinweise.

SCHWING, Gertrud

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

K. Hoffmann. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von K. Hoffmann, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 257-258

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=703

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