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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Die Bundespflegekammer

Bundespflegekammer
 
Jendrsczok, U. und M. Raiß
Die Bundespflegekammer
Mehr Autonomie – mehr Anerkennung: Warum eine Selbstverwaltung für Pflegende so wichtig ist
Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover, 2017, 143 S., 29,95 €, ISBN 978-3-89993-384-0
 
 
Nach der Gründung der ersten bundesdeutschen Pflegekammer in Rheinland-Pfalz sowie dem Beginn von Gründungs- und Abstimmungsprozessen in anderen Bundesländern stellt sich der Kammer-Bewegung die Frage nach einer gemeinsamen Spitzenorganisation auf Bundesebene. Das Buch stellt Gründe, Ziele, Aufgaben und den möglichen Aufbau einer Bundespflegekammer dar. Es wurde von zwei Mitarbeiterinnen der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz verfasst: Ursula Jendrsczok ist Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, studierte Pflegemanagement (B.Sc.) sowie Health Care Management (M.Sc.), hat den Gründungsprozess der Landespflegekammer als Geschäftsstellen-Mitarbeiterin begleitet und sich in ihrer Masterarbeit wissenschaftlich mit dem Professionalisierungsprozess der Pflegeberufe in Deutschland befasst. Derzeit ist sie in der Geschäftsstelle der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz tätig. Manuela Raiß, Altenpflegerin, Dipl.-Pflegemanagerin (FH) und Absolventin eines pflegewissenschaftlichen Masterstudiums (M.Sc.N.) gestaltet in der Geschäftsstelle der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz den Aufbau mit.
Das Werk mit Vorworten von Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates e.V., ist aus der Kammer-Bewegung heraus entstanden. Die Abhandlung geht von der Etablierung der ersten Pflegekammer als einem historischen Einschnitt in der deutschen Pflege-Berufsgeschichte aus und will aufzeigen, wie Pflegekammern zur Professionalisierung der Pflege beitragen und die pflegerische Versorgung der Bevölkerung sicherstellen können (S. 16-18).
 
 
Nach den Vorworten (S. 8-13) und einer Kurzfassung des Inhaltes (S. 14 f.) folgen acht Kapitel, ein differenziert gegliedertes Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 129-139) sowie ein Abkürzungsverzeichnis (S. 140 f.) und ein Stichwortregister (S. 142 f.).
 
 
Die Einführung (S. 16-19) legt Relevanz und Ziele der Abhandlung offen und gibt einen Überblick über die einzelnen Kapitel. S. 20-36 wird der Prozess der Professionalisierung des Pflegeberufes anhand der Ist-Situation und der Rahmenbedingungen der pflegerischen Leistungserbringung dargestellt; diesen werden die Professions-Kriterien (Handlungsmonopol, berufliche Autonomie, akademische Ausbildung, eigenes Disziplinarrecht, Anerkennung und Prestige, Delegationsrecht, Handeln im Sinne des öffentlichen Wohls, spezialisiertes Wissen, Berufsethik, Selbstverwaltung und Berufsorganisation [S. 31]) gegenübergestellt.
 
 
Unter der Überschrift „Gemeinsam autonom handeln – Das Prinzip der Selbstverwaltung“ (S. 37-85) kommen sowohl die Prinzipien der beruflichen Selbstverwaltung als auch der Entwicklungsbedarf der professionellen Pflege in den Bereichen Berufsrecht, Autonomie, Anerkennung und Prestige, Handlungsmonopol, spezialisiertes Wissen, Akademisierung und Berufsethik, Berufsorganisation und Selbstverwaltung zur Sprache. Rechtliche Grundlagen, Aufbau, Ziele und Aufgaben der Landespflegekammern sowie der Entwicklungsstand in den einzelnen Bundesländern werden Stand 1. Oktober 2016 überblicksweise aufgezeigt. Dabei zeigen sich eine große Ungleichzeitigkeit und strukturelle Differenzierungen in den einzelnen Bundesländern: Während in Rheinland-Pfalz bereits eine Pflegekammer ihre Arbeit aufgenommen hat und in Schleswig-Holstein sowie in Niedersachsen die gesetzgeberischen Weichen dafür gestellt sind, gehen einige Bundesländer Sonderwege (z.B. Bayern mit einer „Vereinigung der bayerischen Pflege“ oder Bremen, Hamburg und das Saarland mit Berufsgesetzen und Arbeitnehmerkammern). In der Mehrzahl der Bundesländer befinden sich Landespflegekammern noch im politischen Entscheidungsprozess. Insgesamt fällt auf, dass trotz der Unterstützung durch Berufsverbände den Befürwortern vielerorts zahlenmäßig erhebliche pflegekammerkritische Minderheiten gegenüberstehen (S. 72-85).
 
 
In den Seiten 86-96 werden die bereits bestehenden Bundeskammern der Heilberufe (Bundesärztekammer, Bundeszahnärztekammer, Bundespsychotherapeutenkammer, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sowie Bundestierärztekammer) hinsichtlich ihrer satzungsmäßigen Aufgaben und ihrer Organisationsstruktur vorgestellt.
Anschließend wird eine Bundespflegekammer im Hinblick auf Ziele und Aufgaben, Rechtsform, Organen und Regelwerken entworfen (S. 97-109). Eine Darstellung der Gründungsvoraussetzungen einer Bundespflegekammer einschließlich einer Mustersatzung und eines Organigramm-Entwurfes (S. 110-116), eine Zusammenfassung (S. 117) sowie ein „Ausblick“ auf Chancen und Risiken für Pflegeberuf, Pflegeempfänger und Gesellschaft (S. 120-128) runden das Buch ab.
 
 
Das auch in elektronischer Form erhältliche, übersichtlich und grafisch hochwertig gestaltete Büchlein stellt sich insgesamt als überzeugtes, teilweise euphorisch vorgetragenes Plädoyer für Pflegekammern im Allgemeinen sowie für eine Bundespflegekammer im Besonderen dar: Es steht laut Untertitel unter der Prämisse „mehr Autonomie – mehr Anerkennung“ und will beantworten, „warum eine Selbstverwaltung für Pflegende so wichtig ist“. In diesem Sinne kann es als berufspolitischer Beitrag aus der Befürworterperspektive gelten und ist als solcher zu würdigen. Dass dabei sowohl mögliche Gegenentwürfe und Gegenargumente als auch eine kritische Auseinandersetzung mit der empirischen Belegbarkeit angeführter Argumentationen und dem realen Rückhalt der Kammerbewegung bei der Basis der Pflegenden zu kurz kommen (z.B. S 120-128), ist insofern erklärlich.
 
 
Aus Sicht der Pflegekammer-Befürworter ist es konsequent und legitim, eine schnelle Errichtung einer Bundespflegekammer zu betreiben und von daher eine Rückwirkung auf alle Bundesländer zu erwarten (vgl. S. 119). Um eine Zersplitterung der nach ihrem sozialen Status bislang relativ egalitären Berufsgruppe zu vermeiden, sollten der Dialog zu den Kritikern nicht abgebrochen sowie nach ggf. länderspezifischen Lösungen gesucht bzw. diese zu integrieren versucht werden. Das energische Plädoyer für eine Bundespflegekammer mag insbesondere den Kritikerinnen und Kritikern aus der Arbeitnehmerschaft – welcher immerhin die weit überwiegende Mehrheit der Pflegenden zuzurechnen ist - Anlass sein, Modelle einer solidarischen, die Realitäten des Pflegeberufes und ihrer Beschäftigten ernstnehmenden Selbstorganisation deutlicher zu artikulieren und in die noch immer offene berufs- und gesellschaftspolitische Debatte einzubringen.
 
 
Reszension von Dipl.-Theol. Andrea Windisch B.Sc.

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