Feb 16, 2019 Last Updated 7:54 AM, Feb 15, 2019

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Menschen mit Demenz

Menschen mit Demenz1
 
Schilder, M. und E. Philipp-Metzen
Ein interdisziplinäres Praxisbuch: Pflege, Betreuung, Anleitung von Angehörigen
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2018, 264 S., 25,99 €, ISBN 978-3-17-025747-4
 
 
Der Autor des vorliegenden Buches ist Pflegewissenschaftler, die Autorin Sozialpädagogin. Beiden lehren an Fachhochschulen. Sie verfügen damit über eine ideale Kombination aus langjähriger praktischer Erfahrung in der Altenarbeit (speziell auch im Umgang bei Menschen mit Demenz) sowie über theoretisch-wissenschaftliche Qualifikationen. Von daher ist die Reihe „Pflegepraxis“ ein geeigneter Ort, um diese Publikation einem größeren (Fach)-Publikum bekannt zu machen. Das zentrale Anliegen – die Vermittlung von Demenzkompetenz insbesondere bei Fachpersonen und Betreuungspersonal in der ambulanten Pflege – wird in neun Kapiteln eingelöst.
 
 
Nach kurzer Einleitung und konzentriertem Überblick über die Demenz als Krankheit (unter Beachtung der Kritik am biomedizinischen Verständnis von Demenz) geht es im dritten Kapitel um die Grundlagen der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Im Vordergrund steht hier zunächst nicht die Praxis selbst, sondern eine pflegetheoretische Basis. Diesbezüglich wird vor allem der personenzentrierte Ansatz von Kitwood skizziert, ebenfalls das in Deutschland bekannte Betreuungsmodell von van der Kooij. In diesem Kapitel werden auch die pflegepraktischen Aspekte angesprochen, u.a. der Pflegeprozess, die entsprechenden Assessments sowie die (Pflege)-Dokumentation.
Das sich anschließende Kapitel 4 informiert über rechtliche Grundlagen und Voraussetzungen für die Pflege- und Betreuungsarbeit. Notwendigerweise wird hier auf die Regelungen des SGB XI und ausgewählte Aspekte des Qualitätsmanagements mittels Expertenstandards eingegangen.
 
 
Die Kapitel 5 und 6 stellen einzelne Strategien der Pflege und Betreuung dar. Im Zentrum stehen Kommunikation, Aktivierung, herausforderndes Verhalten, Mobilitätsförderung; die Vor- und Nachteile von verschiedenen Settings – von der ambulanten Pflege über die stationären Betreuung (hier auch die Pflegeoasen) bis hin zum Krankenhaus – werden diskutiert. Auch hier imponiert der abwägende und kritische Blick der Verfasser. Dies wird z.B. deutlich, wenn auf den Forschungsstand zur Validation (oder Integrationen Validation nach Richard) eingegangen wird. Trotz der Popularität dieser Modelle in der Praxis ist die wissenschaftliche Befundlage defizitär, und es liegen bereits ambivalente Ergebnisse zum Einsatz dieser Verfahren vor.
 
 
Das Kapitel 7 geht ausführlich auf die Situation von pflegenden Angehörigen ein, wobei auch hier differenziert argumentiert wird. Dies wird u.a. daran deutlich, dass verschiedene Typen (und Engagements) von pflegenden Angehörigen unterschieden werden. Auch an dieses Kapitel schließen sich rechtliche Grundlagen an (Kapitel 8), die insbesondere Aspekte der Beratung, Schulung und Fortbildung der entsprechenden Klientel im Blick haben. Kapitel 9 verwundert zunächst in der Schwerpunktsetzung auf Gewalt in der Familienpflege (bei Menschen mit Demenz). Wenn man sich aber vor Augen führt, dass hinter verschlossenen Türen mittlerweile ein erhebliches Gewaltpotential schlummert und nicht zuletzt aufgrund von Überlastungsphänomen Grenzüberschreitungen keine Seltenheit mehr sind, sind Hinweise zu Früherkennung und Gewaltprävention im häuslichen Bereich notwendig.
 
 
Abschließend: Das Buch ist ein Gewinn, und zwar deswegen, weil es nicht die Machbarkeitslogiken der Praxis affirmativ bedient, sondern einerseits theoretisch-konzeptionelle Grundlagen einer guten Pflege vorstellt und andererseits die praktischen Konsequenzen für professionelles Handeln auf dem Stand der Forschung vorstellt. Dabei ist der interdisziplinäre Blick für das Feld hilfreich. Denn Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz ist immer eine multi- und interdisziplinäre Aufgabe. Die Pflege ist hier zentral gefordert, aber eben in der Zusammenarbeit mit Medizin, Sozialarbeit und anderen Professionen. Hierfür ein Bewusstsein geweckt zu haben, ist nicht das schlechteste Verdienst dieser Publikation, die sowohl bei der Fachpflege, bei Betreuungspersonal, bei Angehörigen wie auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von pflegebezogen Berufsgruppen zum Einsatz kommen sollte. Ich wünsche dem Buch eine große Resonanz und freue mich, wenn es sowohl an den Hochschulen wie auch in der Praxis positiv aufgenommen wird.
 
 
Eine Rezension von Univ.-Prof. Dr. Hermann Brandenburg

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