Pflegewissenschaft im interdisziplinären Dialog |
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Hintergrund und Anliegen: Pflegewissenschaft wissenschaftstheoretisch zu verorten ist nicht einfach. Klar ist, dass die monodisziplinäre Bestimmung zu eng ist, weil sie die Erkenntnisse der anderen Wissenschaften nur rudimentär zur Kenntnis nimmt oder das Rad immer wieder neu erfindet. Herausfordernd ist ein interdisziplinäres Verständnis von Pflegewissenschaft, da hier die Kooperation zwischen verschiedenen Disziplinen auf der Agenda steht. Bloßes Aneinanderreihen verschiedener disziplinärer Erkenntnisse reicht nicht aus, es geht um theoretische, methodische und praktische Zusammenarbeit. Beispiele dafür sind die großen Längsschnittstudien des Alterns, bei denen man sich - mindestens ansatzweise - auf gemeinschaftliches Forschen hat einigen können. Noch einen Schritt weiter geht die Vorstellung im Hinblick auf Transdisziplinarität, die "zu einer andauernden, die fachlichen und disziplinären Orientierungen selbst verändernden wissenschaftssystematischen Ordnung führt" (Mittelstraß 2003, 9). Mehr noch: Die alte Idee einer Einheit der Wissenschaften, "verstanden als die Einheit der wissenschaftlichen Rationalität" (Mittelstraß 1996, 329), soll weniger im theoretischen als im forschungspragmatischen Sinne wieder konkret werden. Transdiziplinarität ist damit auch ein Forschungsprinzip, welches die Grenzen der traditionellen Disziplinen sprengt. Der Pflegewissenschaft, so Remmers, muss ein "transdisziplinärer Wissenschaftsstatus" (S. 18) zugeschrieben werden. Und zwar aus dem Grunde, weil die grundlagentheoretischen Fragen der Pflegewissenschaft in einen übergreifenden Zusammenhang "mit hoch komplexen Anforderungen einer auf unterschiedlichen Handlungsebenen sich bewegenden professionellen Praxis ausgeleuchtet werden (müssen)" (S. 18). Die Messlatte für die Pflegewissenschaft liegt also sehr hoch. Und dieser Anspruch grenzt sich wohltuend vom Kleinklein der üblichen Debatten, der weitgehend kritiklosen Rezeption wissenschaftlicher Mainstream-Positionen und der Orientierung am funktionalistischen Paradigma nordamerikanischer Pflegewissenschaft ab, die im Kern an der Rationalisierung beruflicher Praxis interessiert ist und nicht primär an den gesellschaftlichen Bedingungen einer "guten Pflege". Bevor ich mich jedoch in Details verliere, soll zunächst der Inhalt des Buches kurz vorgestellt werden.
Neben den wissenschaftstheoretischen Überlegungen von Remmers (Einleitung) gibt es drei große Kapitel. Kapitel 1 befasst sich mit Krankheit und Krankheitsbewältigung, Kapitel 2 mit Alter, Altern, und Lebensende und Kapitel 3 mit Organisation und Technik. Die einzelnen Beiträge sind durchweg auf hohem Niveau und in der Regel empirisch gestützt. Die beteiligten Disziplinen umfassen - neben der Pflegewissenschaft - ein breites Spektrum, z. B. Arbeiten aus der Philosophie, Medizin, Psychologie, Musikwissenschaft, Gerontologie, Geschichtswissenschaft und Theologie. Ich kann nicht alle Beiträge würdigen, möchte exemplarisch aus jedem Teil einen Text herausgreifen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Auswahl persönlich akzentuiert ist und die inhaltliche Fülle und Komplexität nur ansatzweise erfasst werden kann.
Im ersten Teil ist mir der Aufsatz der beiden Philosophen und Kulturwissenschaftler Akashe-Böhme und Gernot Böhme aufgefallen. Sie schreiben über den "Lastcharakter des Daseins" und verbinden damit eine Kritik am überzogenen Interventionsanspruch einer auf dem Hintergrund der Selbstpflegedefizittheorie von Orem motivierten Pflegepraxis. Es heißt zum Schluss: "Es ist eine Illusion, das wahre das richtige Leben mit Gesundheit zu identifizieren. Jeder Mensch muss damit rechnen, sein wahres Leben auch mit Behinderungen und unter der Bedingung der Krankheit zu leben. Die herrschende Ideologie der Leistungsgesellschaft und das Ideal des autonomen und autarken Menschen lassen jedoch in der Regel die entsprechende Einstellung zu sich selbst und zum kranken Menschen als Kranken nicht zu. Demgegenüber gilt es, dem kranken Menschen gegenüber eine Art von Pflege zu entwickeln, die dem anderen auch die Chance gibt krank sein zu dürfen " (S. 71). Das ist eine Position, die im Zeitalter der Gesundheits- und Krankenpflegerin progressiv ist, insbesondere für die gerontologische Pflege, bei der es nicht mehr um Heilung, sondern viel stärker um Lebensqualität, Anerkennung und Akzeptanz (von Krankheit) geht.
Im zweiten Teil hat mich der Text des emeritierten evangelischen Theologen Mokrosch beeindruckt, und zwar einerseits wegen der intellektuellen Brillanz und Übersicht, mit der hier die verschiedenen ethischen Positionen in der Bioethikdebatte freigelegt werden. Andererseits besticht der Beitrag durch klare Positionierung (aus christlicher Sicht). Es wird deutlich, dass sich der Autor hervorragend in der Diskussion auskennt und unter Berücksichtigung der säkularen Pro- und Kontraargumente eine christliche Position begründen kann, die als "Ethik des situativen Kompromisses" eine Brücke zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik schlagen kann. Beispielsweise bezogen auf die Sterbesituation ist es Aufgabe und Pflicht der Betreuenden "täglich neu den Willen des Sterbenden zu erkunden. Seine Einzigartigkeit, Individualität und Unverwechselbarkeit muss täglich neu geehrt und ihm bewusst gemacht werden. Überwiegt nach langer Zeit liebevoller Zuwendung dann aber doch der Wunsch des Sterbenden - bzw. im Falle des Wachkomas o.ä.: der Angehörigen - nach frühzeitiger Beendigung des Lebens, dann könnte eine passive Sterbehilfe im Rahmen des Gesetzes auch ein würdevolles Sterben bedeuten. Kriterium hierfür ist die gottbildliche Würde (Kursiv im Original) jedes Menschen mit seinem Recht auf liebevolle Pflege und auch auf Selbstbestimmung" (S. 269).
Im dritten Teil möchte ich den Beitrag von Friesacher würdigen. Überschrieben mit "Macht durch Steuerung - zur Kybernetisierung von Pflege und Gesundheit" geht es in dem Beitrag darum, wie ein bestimmter Denkansatz (Kybernetik) im Human- und Gesundheitsbereich zunehmend salonfähig geworden ist und sich als "neue Herrschaftstechnologie" (S. 345) etabliert hat. Die kybernetische Grundidee, bei der es vor allem um die Machbarkeit, Beherrschbarkeit und Programmierbarkeit von sozialen Prozessen geht und die Ausdruck einer "totalen Technisierung des Denkens" (und des darauf folgenden Handelns) ist, wird an drei Phänomenen der "Vertriebswirtschaftlichung" (Dirk Baecker) des Gesundheitssektors dargestellt: Managed Care, Disease-Management-Programme sowie Care Management/Pflegeprozess. Auf dem Hintergrund des Kritikbegriffs des französischen Sozialphilosophen Michel Foucault zeigt Friesacher, wie diese Innovationen mit einer Steuerung als "Subjektivierung" assoziiert sind. Beispielweise geht der klassische Pflegeprozess von einer naiven Kybernetik erster Ordnung aus, die durch Sollfestlegung, Planung und Durchführung von Interventionen gekennzeichnet ist. Diese Konzeption ist unrealistisch und setzt das Modell einer trivialen und einfachen Maschine voraus. Tatsächlich haben wir es in Pflegesituationen mit Unvorhersehbarkeiten, mangelnder Planbarkeit und der Notwendigkeit von Flexibilität zu tun. Es ist also eine "Beobachtung zweiter Ordnung" (Schrems 2003) erforderlich um das, was in der Praxis geschieht, kritisch reflektieren zu können. Insgesamt sieht Friesacher in der deutschen Pflegewissenschaft - vor allem im systemtheoretisch orientierten Management - eine unkritische Rezeption der kybernetischen Grundidee. Die Kehrseite davon, nämlich die Regulierung, Fremdbestimmung und (Selbst-)Unterwerfung von Subjekten wird nicht erkannt und die Ambivalenz von Begriffen wie "Autonomie" und "Kunde" wissenschaftlich unzureichend reflektiert.
Gesamteinschätzung und Fazit: Ein interessantes, anspruchsvolles und die pflegewissenschaftliche Diskussion außerordentlich bereicherndes Werk. Aber: Wo viel Licht ist, da ist ein Blick auf die Schattenseite unumgänglich. Drei Aspekte möchte ich erwähnen. Erstens ist der Rückbezug der einzelnen Beiträge zur Pflegewissenschaft nicht immer (gut) gelungen. Obwohl sich manche Autoren explizit um Bezüge zur pflegewissenschaftlichen Debatte (und Pflegepraxis) bemühen (z. B. Holtgräwe/Pinkert oder Hülsken-Giesler), so ist dies nicht durchgängig erkennbar. Zweitens sind umgekehrt die Stellungnahme und die Perspektive der Pflegewissenschaft zu den einzelnen Themen und Inhalten nur ansatzweise deutlich geworden. Die hervorragende und umfassende Einleitung des Herausgebers reicht dazu meiner Einschätzung nach nicht aus. Vor allem dann, wenn der Anspruch erhoben wird die Pflegewissenschaft als "Bündelungsprinzip und als transdisziplinäres Konstrukt" zu etablieren. Ich schlage vor, dass man dazu noch einen Schritt weitergeht. Beispielsweise kann die Auseinandersetzung mit den einzelnen Fachinhalten intensiviert werden, und zwar durch Kommentare und Co-Referate seitens der Pflegewissenschaft selbst. Und drittens sollten die kritisierten Mainstream-Forscher (aus den USA, und nicht nur da) eingebunden werden, damit auch eine Würdigung und Kritik dieser Beiträge ermöglicht wird. Ich weiß, dass dies schwierig ist und nahezu unmöglich. Und es setzt eigentlich etwas voraus, was durch die Interdisziplinarität erst ermöglicht wird - eine faire Kooperation! Aber einen Versuch ist es wert. Für die weiteren Auflagen dieses wichtigen Buches allemal.